Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 836 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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836 Arno Nadel: Mit ain Strick, Marne, bin ich gebunden, Ranglen kenn ich mich schoin nit: Oi weih, Marne, es is schoin varfallen: Zurick chapen kenn ich schoin nit! Die Lwone schaint, sie schaint, sie schaint, Sie schaint arum ihre Stern: Un die Sonn lescht dos Licht, Bichdei die Welt soll finster wern. Mir is finster, Marne maine, Ich hob sich ihm emes lieb; Schweren schwer ich dir, Marne maine, As gedeinken wel ich ihm bis in Grub! Main Welt, Marne, is mir schoin nim'es, Ich konn on ihm nit vargessen; Du sehst doch, Marne, oi, allein, As ich konn nit trinken un essen! Main Kop, Marne, is mir derschlogen, Ich wel sich arop vun maine Gedanken; Ain greissen Weihtog hob ich, Marne, Wos ich kenn ihm nit derlangen. Ain greissen Weihtog hob ich, Marne, Wos ich kenn ihm var keinem nit derzeilen; Wu-ze nehm ich, oi, a Dokter, As er soll mir meine Wunden ausheilen! Mit einem Strick, Mütterchen, bin ich gebunden, Wer macht mich los, wer, wer? O weh, weh, Mütterchen, ich bin ja verloren, Zurück kann ich nicht mehr. Der Mond, er scheint, er scheint, erscheint, Er scheint um seine Sterne, Und die Sonne löscht das Licht schon aus, Die Welt soll finster werden. Finster ist mir, Mutter mein, Weil ich so lieb ihn hab, Schwören, schwör ich dir, Mütterchen mein, Sein denk ich bis ans Grab. Meine Welt, o Mütterchen, ist mir häßlich geworden, Ich kann ihn nicht vergessen, Du siehsts ja, Mütterchen, siehsts ja selber, Ich kann nicht trinken, nicht essen. Mein Kopf, o Mütterchen, ist mir zerschlagen, Ich bin ganz von Gedanken, Ein großes Weh fühl ich, o Mütterchen, Ich kann ihn ja nicht erlangen. Ein großes Weh fühl ich, o Mütterchen, Ich kann es keinem erzählen. Wo nehm ich einen Arzt nur her, Meine Wunden auszuheilen! Ginsburg und Marek Nr. 207. — Der kranke, fiebernde Zustand leidenschaftlicher erster Liebe. Hineinziehen der Naturelemente: in der ersten und vierten Strophe. — Die geschüttelte, nervöse Seele kann nicht besser wiedergegeben werden. Hier ist das jüdische Liebeslied am originellsten und am bedeutsamsten. „Wo nehm ich meinen Liebsten her, — es ist schon alles verloren, — der Mond scheint um die Sterne, — ich schwöre dir, Mutter, ich werde ihn bis ins Grab nicht vergessen, — du siehst ja, Mutter, ich kann nicht anders, hol meinethalben einen Arzt her, wenn er mich nur erlösen könnte*— auf diese unmittelbare Weise gibt kein anderes Volkslied die völlige körperliche Besessenheit wieder.