Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 832 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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832 Jakob Klatzkin: nationale Grenzen erhalten, so wird das religiöse Bewußtsein und Kriterium eines exterritorialen und universalen Volkes sein Beharrungsvermögen verlieren und von einem rein nationalen Bewußtsein und Kriterium abgelöst werden. Dann können die Judenschaften, die territorial und sprachlich geschieden sind, oder die — angenommenerweise — zwei Volks verbände, der jüdische im Galuth und der hebräische in Erez Israel, nicht eine Volkseinheit sein und auch nicht als solche erscheinen. Wir wissen schon aus dem zweiten Kapitel, daß die jüdische Religion nicht ausschließlich aus eigenen Kräften im Exil gespeist wurde. Es bestand eine Wechselwirkung zwischen der Religion und dem nationalen Selbsterhaltungstrieb. Unbewußt zog die Religion Nahrung aus dem nationalen Willen zum Leben, da sie im Exil nationale Aufgaben verrichtete. Viele außerreligiöse Nationalwerte haben sich, in Ermangelung einer anderen nationalen Seinsart, in das Gefüge der Religion eingestellt. So wurden in unserer Religion Kräfte und Säfte aufbewahrt, die nicht ihr Eigentum sind. Dank ihrer nationalen Dienstleistung als Behälter hat sie selbst an Lebensfähigkeit zugenommen; sie hat sich gleichsam an dem ihr anvertrauten Nationalgut bereichert. Wie die Religion unser Galuth-Dasein beschützte, belebte andererseits das Galuth-Dasein unsere Religion. — Ebenso hat das religiöse Gemeinschaftsbewußtsein das nationale ersetzt und dank dieser nationalen Funktion als Surrogat an Wirksamkeit gewonnen. Weil uns die territoriale und materielle Einheit fehlte, wurden unsere religiösen und geistigen Bande um so stärker und für unseren Zusammenhalt um so bedeutsamer und entscheidender. Werden wir eine territoriale und materielle Volkseinheit erlangen, wird sowohl unsere Religion als die aus ihr herausgeschälte Geistig - keit — die Ideologie einer jüdischen Weltanschauung, des Monotheismus, des Messianismus, des Optimismus usw. — viel von ihrer nationalen Einigungskraft einbüßen. Mit der Verwurzelung des Judentums im Lande der Väter wird das portative Vaterland des jüdischen Volkes, wie Heine es nannte, nicht mehr das Judesein bestimmen und entscheiden. Der Abfall von unserer nationalen Sprache, der Übertritt und die Einbürgerung in eine andere Sprachgemeinschaft, sozusagen die sprachliche Taufe, wird nicht minder Abtrünnigkeit und Austritt aus unserem Volkstum bedeuten, als es bisher die religiöse Taufe zu bedeuten hatte. Und wird unser Volk in zwei Sprachen geteilt, in Jargon und Hebräisch, so werden aus ihm zwei Völker hervorgehen; und ein unüberbrückbarer Abgrund wird zwischen ihnen klaffen. Es gibt schlechterdings keine nationale Brücke zwischen Palästina und Galuth, zwischen „Zentrum" und Peripherie". 3- Man könnte freilich gegen diese in ihren letzten Folgerungen erkannte zionistische Idee scheinbar schwere Vorwürfe erheben: Sie tritt mit dem Postulat der nationalen Einheit auf, bewirkt aber eine Zweiteilung der Nation. Sie vereitelt den Diasporabegriff eines „Klal-Jisroel", steckt dem Judentum Grenzen ab und schneidet es entzwei: in Galuth und Palästina. Sie fällt ein Todesurteil über das Galuthjudentum, ja sie bedingt deren Untergang durch die nationale Formierung und Entfaltung des Palästinajudentums: je mehr Palästina national reift und erstarkt, desto schneller welkt und erstirbt das Galuth. Haben nicht unsere Missionsprediger schließlich recht, wenn sie die Vorsehung darob rühmen,