Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 827 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Grundlagen des Nationaljudentums 827 linge gelten sich selbst und uns und den anderen noch immer als Juden. Sie sind es aber nicht. Vom Gesichtspunkt des nationalen Kriteriums aus betrachtet, haben sie schon längst aufgehört, Juden zu sein; haben sie schon längst das Recht verwirkt, den Namen Jude zu führen. Sie sind aus dem jüdischen Volke entwurzelt. Seine Sprache ist ihnen fremd, sein Nationalgut nicht teuer; sie leben nicht seinen Geist, sein Ethos, sind seiner Gegenwart entrückt und wirken nicht für seine Zukunft. Warum heißen sie noch immer Juden? Sie sind in einer anderen Kultur verwurzelt, sind ihre Produkte, sind ihre Produzenten. Sie denken und empfinden in der Sprache des Landesvolkes, saugen alle Säfte seines Schrifttums ein, werden mit ihm in Haus und Schule von gleichen Kräften gespeist, schöpfen mit ihm aus einem Volksborn und schaffen mit an seinen heiligsten Werken, sein Nationalgut ist auch ihnen höchstes Gut und groß ist ihr Anteil an der Mehrung seiner nationalen Werte. Warum werden sie noch als Juden angesehen? Sie leben im Geist nicht jüdischer Gesetze, Sitten, Bräuche, leben im Geist nichtjüdischer Traditionen, nichtjüdischer Geschichte, feiern nichtjüdische Gedenktage — Gestaltungen mythischer Vorstellungen, Sinnbilder heidnischen und christlichen Gottesdienstes, Erinnerungen an nichtjüdische Kämpfe und Siege, an nichtjüdische Helden und Heldentaten — und haben nichts mehr gemein mit den jüdischen Freuden- und Trauertagen, die kein echtes Gefühl in ihnen auslösen. Sie sind um die nationale Wohlfahrt des nichtjüdischen Gemeinwesens in Hingabe besorgt und opfern ihr Blut in Leidenschaft und Begeisterung für seine nationale Zukunft. Unjüdisch also ist ihr Leben in seiner ganzen Mannigfaltigkeit, in seinen Inhalten und Formen, in seinen Wirklichkeiten und in seinen Symbolen, unjüdisch in seinem Gedenken, Streben und Schaffen, unjüdisch in seinem Alltag und Feiertag, in seinem Werk und in seiner Weihe. Warum zählen sie sich noch zu den Juden? Warum werden sie von uns und den anderen als Juden gezeichnet? Weil das jüdische Volk im Exil keine nationalen Normalgrenzen hat, die überschritten werden könnten. Weil wir außerhalb dieser Grenzen leben, ist die nationale Grenzverschiebung unserer Lebensart unmerkbar und unbestimmbar. Die Wirklichkeit unseres völkischen Seins ist keine weltlich nationale Wirklichkeitsgröße, darum ist der nationale Maßstab auf sie nicht anwendbar. Ihre nationale Verminderung tut daher ihrer Geltung keine Einbuße; auch wenn sie den Nullpunkt erreicht hat, hebt sie den Schein des entleerten Judeseins nicht auf. Wir haben nirgends konkrete nationale Daseinsformen, an denen die nationale Entformung eines Volksteils ersichtbar wäre. Wir haben nirgends eine vollwertige nationale Prägung, an der die Entwertung erkennbar wäre. Wir besitzen nirgends einen Volltypus eines nationalen Judentums, um die Entartung als nationale Fremdart zu beglaubigen und aus unserem Volksorganismus auszuscheiden. Wir und die anderen stellen fast gar keine nationalen Ansprüche an das Prädikat: Jude; es genügt eine vermeintlich jüdische Nase, um noch Jude zu sein. Unser Volkstum existierte im Exil ohne die normalen Merkmale nationaler Existenz: alle Vermischungen und Verzerrungen unserer nationalen Physiognomie vermögen daher nicht, uns den metaphysischen Charakter des Jude-seins zu nehmen. Sind doch diese Abtönungen und Vertuschungen geradezu Kennzeichen unseres nationalen Gesichts im Galuth.