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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 826

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Grundlagen des Nationaljudentums
Date
1917-03-01
Page
826 (sequence 2)
Language
German
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826 Jakob Klatzkin: Wie soll Palästina ein Nährboden für die Diasporajudenheit werden, die ihren Wirklichkeit gestaltenden Inhalt und mit ihm die Formenfülle ihrer völkischen Sonderheit verloren hat? Wie soll ein Judentum erhalten werden, das seinen Existenzgrund nicht mehr in sich selbst hat und auf eine auswärtige Lebensquelle völlig angewiesen ist? Wird auch Palästina — mit Achad Haam zu reden — die eigenartige Funktion verrichten können, dem Exil in Überwindung aller Distanz „geistige Speise" dauernd zu liefern, so wird dieser Import nur eine Art Nachspeise sein, geistige Leckerbissen, etwa Labung für die Sabbatseele, die „Sonderseele" der Weihe; die Hauptspeisen jedoch, ihre werktägige Nahrung werden die verstreuten Juden in unmittelbarer Nähe suchen und vom Geist der Umwelt empfangen. Wird nun unser Leben in seinem Alltag und im Profanen von der fremden Kultur gespeist, hat der Geist des Judentums nur noch im Keiligen und Feierlichen einen Zufluchtsort; so hat das Zentrum die Assimilation in der Peripherie nur getrübt und eine Unterernährung bewirkt. Und auch diese nationale Funktion einer Hemmung ist nicht von Dauer. Hat denn das mächtige Deutschland es vermocht, ein geistiges Zentrum für die Millionen seiner Söhne in Amerika zu werden und die Deutschen mit Bindestrich vor nationaler Loslösung zu schützen? Wie soll gar das kleine jungjüdische Palästina eine Fernwirkung auf die weit ausgedehnte Diaspora ausüben und einer unter starken Nationen zerstückelten Judenheit, deren traditionellen Bande gelockert sind, Kraft und Bestand verleihen? Eine reife Erkenntnis der nationalen Idee kann sich auf diese Fragestellung nicht beschränken. Sie führt vielmehr zur Einsicht, daß der achad-haamistische Gedanke eines geistigen-Zentrums mit den Postulaten des Nationaljudentums im Widerspruch steht. Das Zentrum mag anfänglich Sonne und Brennpunkt der Nation sein, Strahlen nach den Exilländern aussenden und die versprengten Volksglieder beleben. Doch nur in der ersten Zeit wird es Licht und Wärme in die Ferne ausstrahlen; seiner ganzen Anlage nach ist aber das Zentrum dazu angetan, das Erlöschen und Erkalten der peripherischen Volksreste zu begünstigen und eine vollwertige Assimilierung der aufgeteilten Diasporajudenheit zu beschleunigen. Das Fehlen eines wahrhaft nationalen Judentums, eines von den elementaren Attributen nationaler Wirklichkeit — wie Territorium und Sprache — bestimmten Judeseins, beeinträchtigt unsere Assimilierbarkeit. Die Wiedergeburt eines national geformten Judentums in Palästina wird die endgültige Einordnung der assimilierten Exiljuden in den nationalen Organismus der Wirtsvölker wesentlich erleichtern. Für alle weltlichen Völker gibt es einen nationalen Übertritt, will sagen, einen national bewerteten Austritt und Eintritt. Mit der Seßhaftigkeit von Generationen in einem Lande, mit der Einbürgerung in die fremde Sprach- und Kulturgemeinschaft ist der Übergang von einer nationalen Zugehörigkeit zu einer anderen vollzogen. Es gibt national markierte Grenzen, die überschritten werden können. Anders im Judentum. Unsere zweitausendjährige Existenz außerhalb der nationalen Normalgrenzen bedingt es, daß unser nationaler Übertritt nicht erkannt und anerkannt wird. Auch die zutiefst und zuinnerst assimilierten Judenabkömm-

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