Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Jüdische Jugendbewegung
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 824 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- IRI
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824 Gerhard Scholem: Jüdische Jugendbewegung dieser Zeitschrift zu meinen sehien, unmöglich, sondern vielmehr möglicher als jemals vorher: denn seit einige aus den Kreisen, die man oft die radikalen nennt, durch die Zusammenschweißung der merkwürdigsten Dinge von außen mit „konsequentem" Zionismus die Verwirrung auf eine schwindelnde Höhe der Paradoxie getrieben haben, ist für jeden, der sehen will, die Scheidung klar gegeben und gefordert. Die unendlichen Paradoxien, die unsere Wut und unsere Empörung geweckt haben, haben uns gelehrt, uns auf unseren Weg zu besinnen. Unser Weg, das heißt: uns als Ganzheit und in Ganzheit auf Zion hin zu bewegen. Heute ist die Jugend noch im Innersten in die Taktik verstrickt: die Forderungen, die erhoben werden, sind nur Stückwerk und schüchtern, und keine hat Mut und Kraft der Ganzheit; die Standpunkte, auf die wir uns stellen, sind Versuche, nach allen Richtungen zu schielen, und der Mut, den einen einzigen Standpunkt einzunehmen, wird erstickt mit inneren und äußeren Gründen. Mit inneren, denn man ist bequem und der Ideologien der Bequemlichkeit sind viele. Es ist unbequem, sich selber ganze Forderungen zu stellen, wenn man von vornherein nur die Hälfte erfüllen will, man fordert nicht Zion, wenn man Berlin meint. Mit äußeren, denn es ist untaktisch. Die Opfer, die wir verlangen, sind zerbrochen und oberflächlich, denn ganze Opfer zu verlangen, davor hat unsere Jugend, der die Propaganda am Herzen liegt, Angst. Allenthalben ist uns entgegengehalten worden: man dürfe die Außenstehenden nicht abschrecken. Ein teuflisches Argument \ So aber ist es bei uns: um die Außenstehenden dreht sich alles, auf sie ist alles, jeder Atemzug der Rücksichten nehmenden „Bewegung" und jede Arbeit zugeschnitten. Daß der Zionismus mit dem Baseler Programm nicht aufhört, sondern anfängt, das ist wohl eine Erkenntnis, die zuweilen theoretisch verfochten wird, aber deren Konsequenzen tatsächlich zu ziehen sich die Jugend bisher noch nicht bereit gefunden hat. Das Bekenntnis zum Hebräischen ist nicht verbunden worden, soweit es überhaupt Widerhall in Deutschland gefunden hat, mit der Erkenntnis, daß eine eine Jugendbewegung, die nicht grundsätzlich hebraisiert ist, heute nicht mehr denkbar ist, es gilt als mehr oder weniger wichtige Nebenbeschäftigung. Es würde eine traurige Aufgabe für den Statistiker sein, festzustellen, wie lange man bei uns vom Bekenntnis zur Jugendbewegung bis zum tatsächlichen Treiben des Hebräischen, selbst als Nebending, braucht. Daß in solcher Jugend keine Ganzheit des Judentums und keine Fülle der Inhalte geboren werden kann, wenn nicht der Weg, auf dem dies Resultat erreicht worden ist: Taktik und Klugheit, verlassen ist, ist gewiß. Die Ganzheit der Hingabe ist nicht da, denn die Menschen, die bei uns sind, sind zerteilt. Man ist nicht in der Bewegung, sondern in Vereinen, und das Ganze des Mitglieds ist mehr, als er in dem Verein, der „Bewegung'* offenbart, er hat nicht Zion zum Ziel, sondern Zion und irgend etwas, von der Bodenreform bis zur Zahlentheorie, und dies nicht als etwas Subordiniertes, sondern als Gleichberechtigtes, als etwas, was außerdem noch da ist. Dies aber darf nicht sein: ein Ziel müssen wir über uns setzen, dem alles, aber auch alles, und sei es selbst die Zahlentheorie, untergeordnet wird. Die Ganzheit, die wir meinen, darf nicht aus vielen Bestandteilen bestehen, sondern nur aus einem Stück. Und hierzu gehört, daß der Mut zur Beschränkung, zur Einseitigkeit gefunden werden muß. Wenn die Jugend ihre Vielseitigkeit nicht so durchaus hätte bewahren wollen — es sei nur auf das hierhergehörende Problem „Deutschjudentum" hingewiesen — wären wir weiter: wenn nicht immer Synthesen gesucht, sondern Dogmen aufgestellt,