Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Jüdische Jugendbewegung
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 823 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Jugendbewegung 823 Inhalt, Form und Äußerung der Bewegung ist. Wenn nicht Leben aus ihr gezeugt wird und sie Frucht trägt, daß aus wahrhafter jüdischer Sehnsucht eine wahrhafte Hingabe entspringt: ein Hinein- und Hinabsteigen in das Judentum, so ist sie dem ewigen Tode verfallen. Es geschieht wohl, daß an einem großen Tage unsere Sehnsucht zusammenfindet und Begeisterung gebiert, daß wir weggehen und vermeinen, Bewegung sei zwischen uns; aber wenn wir nicht den Antrieb zum Bauen empfangen haben, ist es wahrhaft ein kaltes Feuer gewesen und vergeht schnell. Dies aber ist bisher noch nicht verwirklicht worden: daß die Sehnsucht Inhalte schaffen half. In den wenigen unter uns, die in Wahrheit aus ihrer Sehnsucht Leben in sich geweckt haben, denen das Judentum nicht nur Fahne wurde, sondern Befehl zum Marsch, ist der Bewegung die Bahn bereitet, denn in ihnen ist Bewegung; so mag auch zwischen ihnen welche entstehen können. Nicht als ob nun verlangt würde, jeder, der später in die Bewegung eintritt, müsse schon fertig hinkommen; nein, denn die Bewegung wird ihm dann Inhalte vermitteln, weil er mit ihr verwachsen und sich mit ihr identifizieren wird, so daß es ganz gewiß Unsinn sein wird, von der Bewegung und ihren Trägern als zwei verschiedenen Dingen zu sprechen. Aber heute handelt es sich nicht hierum. Wir reden nicht von den Außenstehenden oder denen, die einmal sein werden, sondern von den Innenstehenden: von denen und zu denen, die heute stolz und hochmütig auf ihrer „Bewegung" sitzen und meinen, man müsse nur noch ein wenig (oder viel) mehr arbeiten und ausgestalten, Verwirrer und Verwirrte; und von uns, die wissen, daß wir noch keine Bewegung haben, und die fragen: wie werden wir welche schaffen? oder wenn es nicht von uns abhängt: wie werden wir ihrer teilhaftig? Denn es mag sein, daß jener letzte Funke, der zwischen den bewegten Einzelnen überspringt und der Bewegung das göttliche Siegel und die Vollendung gibt, nicht in unseren Händen ist. Aber wie die exakten Wissenschaften unterscheiden zwischen notwendigen und hinreichenden Bedingungen einer Erscheinung, so auch hier: die Verwirklichung unserer Forderung ist die notwendige Vorbedingung, und sie steht in unsrer Macht, jedoch nicht das, was sie zur hinreichenden macht: aber wir zweifeln nicht, daß, wenn wir das Unsere getan haben werden, Gott nicht zögern wird, das Seine zu tun. Gewiss: wenn Gott das Haus nicht baut, mühen sich die Bauleute vergebens, aber wenn die Bauleute sich nicht bemühen und das tun, was ihnen obliegt und möglich ist, sondern sich spreizend beiseite stehen und fertig zu sein meinen, so baut Gott sicherlich nicht. Die Forderung kann in einem Worte wesentlich ausgesprochen und an ihm entwickelt werden : Ganzheit. Die Jugend ist nicht ganz; sie ist verwirrt. Und zu allererst fordern wir dies: daß die Menschen, die zu uns kommen, in der Tat umlernen sollen, denn aus der Verwirrung der Gegenwart gibt es durchaus keinen anderen Weg als diesen, und wer die Verwirrung auch in unsere Kreise tragen will, beweist, daß er draußen geblieben ist. Wenn unsere Einstellung nicht ganz anders als die der Verwirrten ist, so haben wir kein Recht, die ,,Entscheidung*' zu proklamieren. Der Jugend, die heute vor der Aufgabe steht, Bewegung zu werden, fällt auch diese als Vorbedingung zu, im letzten und innersten Sinne anders zu werden: unverwirrt. Diesen Dingen nachzuspüren, ist heute nicht, wie Hugo Bergmann im 1. Hefte