Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Jüdische Jugendbewegung
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 825 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Klatskin: Grundlagen des Nationaljudentums 825 wenn nicht immer versöhnt würde, sondern gekämpft, wenn in der Stunde der Gefahr nicht immer Bünde mit dem Andern, dem Andern in und um uns, geschlossen würden, dann würde sich die große Kraft wahrhaft aufstauen, und dem Stauen könnte der große Durchbruch der Bewegung folgen. Aus dem Rieseln und Verrieseln unserer Bäche nach allen Seiten wird nie ein rauschender Wasserfall werden. Wenn nicht der Wille zur Klarheit und Größe, zur letzten Konsequenz, zum Sehen durch die blau-weiße Brille gefunden wird, wird die Verwirrung nicht überwunden werden. Und solange wird der Jugend das Recht zu wahrhafter Propaganda fehlen: bis sie selbst geworden ist, was sie propagiert. Wir schreien heute viel und laut, auf allen Straßen und in alle Ohren, aber es sind Schreie von Verwirrten und Zerteilten, Schreie aus der Fläche, und sie ertrinken haltlos in den Strudeln und werden nicht gehört, die Jugend aber, die wir erhoffen, wird anders hinausgehen dürfen und schreien — und wir sind weit entfernt, dies als überhaupt überflüssig anzusehen — denn ihr Schrei wird aus der Tiefe kommen und Klarheit sein. Man darf nicht rufen, wenn man hier und dort stehen will, in Berlin und in Zion. Wir aber werden wissen, wo wir zu stehen haben, daß unser Schrei gehört werde. Berlin Gerhard Scholem GRUNDLAGEN DES NATIONALJUDENTUMS Drittes Kapitel Palästina als nationales Zentrum 1. Es ist begreiflich, daß in Würdigung der nationalen Bedeutung, die unseren jeweiligen Kulturzentren in Galuth zukommt, der Gedanke eines geistigen Zentrums in Palästina auftreten konnte. Dieser Analogieschluß ist jedoch, so sehr er geschichtlich begründet zu sein scheint, irrig und irreführend. Solange unsere religiöse Gesetzesverfassung die jüdische Wirklichkeit gestaltete, war unser Volk in allen Ländern der Verbannung einheitlich bestimmt. Die Lebenskraft des Judentums war nicht in einem Zentrum lokalisiert, sie war über die ganze Peripherie ausgebreitet und verteilt; sie hatte ihre Quelle in der Thora, die uns überall einte und absonderte. Wir führten auf unserem Wanderweg das Haus der Nation mit uns, trugen unser Hab und Gut in uns; wo nur Juden lebten, gab es ein jüdisches Gemeinwesen. Die Schechinah wanderte mit ihrem Volke und beschützte es in allen Orten seiner Zerstreuung. Das Zentrum war der exponierte, qualitativ oder quantitativ — oder beides zugleich — stärkere Punkt im Judentum; ein Höhepunkt, Sitz des Synedrions, unserer Gesetzeslehrer, unserer Obrigkeit, nicht alleiniger Halt der Nation. Zwischen Zentrum und Peripherie bestand bloß ein Gradunterschied. Ist aber unsere Gesetzesverfassung nicht mehr einend und scheidend, so ist die nationale Bindekraft des exterritorialen Judentums versiegt und ein Zentrum in Palästina bedeutet mithin den alleinigen Halt der Nation; nicht einen exponierten, sondern den einzigen Punkt, in dem unser nationales Sein verwurzelt ist. Zwischen Zentrum und Peripherie klafft also ein Wesensunterschied.