Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Solowjeffs Gedanken über das Judentum
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 821 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Solowjeffs Gedanken über das Judentum 821 gefügt in die Verhältnisse wie sie waren, jetzt weist der Verstand auf alle Übel und Gebrechen. Der Glaube hat der Welt innerliche Befriedigung geboten, der Verstand sollte die Außenwelt reformieren. Aber außerordentlich rasch zeigten sich unter der Vorherrschaft des Verstandes auch deren Schattenseiten: zersetzende, nur dem persönlichen Vorteil dienende Kräfte, individualistische Tendenzen ohne jede Verbindlichkeit der Gesellschaft gegenüber. Für das Judentum erhöhte sich noch die Gefahr. Durch seinen Wohnsitz unter allen möglichen Kulturvölkern hat es Elemente derselben in sich aufgenommen, sie haften ihm nicht bloß oberflächlich an, sondern sind ihm vielfach wesenhaft geworden. Er vereinigt in seinem Blute den Stolz des Spaniers mit der Demut des Slawen, den Esprit des Franzosen mit der Tiefe des Deutschen, die Nüchternheit des Nordens mit dem heißen Fühlen des Südens. Seine Peripherie ist eine größere; dafür bedarf er auch einer festeren Achse, um die sich das vielgestaltete Rad dreht. Hier ist das Judentum ergänzungsbedürftig. In beschränktem Kreise, in naiver Selbstsicherheit können die anderen Völker ihre Aufgabe erfüllen. Das Judentum hatte früher einen wenn auch keineswegs genügenden Ersatz hierfür in der Abgeschlossenheit. Das europäische Denken hat die Tradition erschüttert, die sozialen Umwälzungen und politischen haben die Mauern "des Ghetto umgerissen. Woher soll dem jüdischen Volke das gegeben werden, was den anderen Völkern aus ihren natürlichen Daseinsbedingungen heraus entgegenkommt? In den letzten zwei Jahrzehnten sind innerhalb des Judentums zwei Strömungen aufgetaucht, welche diesem Bedürfen entgegenzukommen suchen. Die zionistische Bewegung wollte dem Judentum die gesunden, natürlichen äußeren Lebensbedingungen vermitteln, der sogenannte Kultur-Zionismus das Geistesleben der Juden auf eine tiefe und wahre Basis stellen. Die Tragik des jüdischen Volkes ergibt sich ja daraus, daß seine Innennatur mit der Umgebung, die ja für fremde Völker zugeschnitten ist, nicht recht übereinstimmt. Aus diesem Mißverhältnis ist die Kompliziertheit und Unnatürlichkeit, welche die Formen des intellektuellen und religiösen Lebens der Juden vielfach beherrscht, zu erklären. Ein Zustand, den der Kultur-Zionist Martin Buber bezeichnet als ,,unproduktive Geistigkeit, die fernab vom Leben und vom lebendigen Streben nach Einheit sich von Bücherworten, von Deutungen der Deutungen nährt". In dieser Hinsicht drängt die Beschaffenheit des jüdischen Ostens zu einer Reform. Der Liberalismus allein mit seinen oberflächlichen Tendenzen kann nicht grundlegend wirken. Moral und Ethik lassen den Raum zwischen dem ringenden Menschen und dem großen Weltengeist unausgefüllt; sie befriedigen das Kausalitätsbedürfnis nicht. Die Lage des jüdischen Volkes ist bis jetzt so, daß sie keinen Schluß auf eine befriedigende Lösung seiner Sonderstellung in physischer und geistiger Hinsicht zuläßt. Ob die Zukunft des Judentums sich so gestalten würde und könnte, wie sie Solowjeff vor Augen hatte, inwieweit sein Urteil mehr subjektiv oder objektiv ist, entzieht sich wohl heute der Beurteilung. Aber eine denkwürdige Tatsachetritt dabei hervor. Nicht wenige Anhänger haben gewisse, in den letzten Jahren in Umlauf gesetzte Theorien gefunden, welche dem als inferior erachteten und moralisch mißachteten Judentum sein größtes Verdienst nehmen wollen, das klar und unleugbar besteht und durch Jahrhunderte weiterwirkt, das Verdienst, im jüdischen Volke, im eigenen Lande die Grundlagen gelegt zu haben für die spätere euro-