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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 820

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Solowjeffs Gedanken über das Judentum
Date
1917-03-01
Page
820 (sequence 6)
Language
German
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820 Edmund Müller: Denkens und Fühlens im Völkerleben schließlich auf der Bühne des äußeren Geschehens gegeneinander auftreten. Die Zeit bringt die künstlich zurückgedrängten Gegensätze ans Licht. Sollen diese Gegensätze, welche unter Romanen und Germanen das jüdische Volk zu einem fast zweitausend Jahre währenden Martyrium verurteilten, auch unter den Slawen weiter fortbestehen? Solowjeff glaubt eine Lösung zu finden der Art, daß die einzelnen Völker ihre besondere, ihren Fähigkeiten und Willensneigungen entsprechende Aufgabe innerhalb eines theokratisch geleiteten Völkerbundes erhalten sollen. Dem jüdischen Volk falle hierbei die Aufgabe zu, das Exekutivorgan des Geistigen auf sozialem Gebiete darzustellen. Hohe Geistespotenzen, selbst solche übermenschlicher Art, wie die Propheten, hatten einst an das Bewußtsein des jüdischen Volkes appelliert, niedere sich jenen in den Weg gestellt. Der Niederschlag dieser alten Geisteskämpfe wurde im Blute in unsere Zeit hineingetragen; dazugekommen sind die Erfahrungen von Generationen, die in Freiheit und hoher Geisteskultur, oder in Druck und Verkümmerung lebten. So erwarb sich der Jude ein leichteres, ein umfassendes Verstehen für menschliches Elend und unterdrücktes Recht. Aber gleichzeitig hat die Selbstbehauptung unter den schwierigsten Umständen ihm zäher, berechnender, verstandeskräftiger gemacht; er hat in alle Hallen und Schlupfwinkel des Erwerbslebens hineingeleuchtet. Diese unter schweren Drangsalen gesammelten Erfahrungen haben seine Fähigkeiten, sein Bewußtsein bereichert; er könnte sie auch einem anderen Zwecke als dem der persönlichen Selbsterhaltung unterstellen. Von der Zeit an, wo der Glaube nicht bloß als ein Hoffenselement für das Jenseits sondern auch als Tätigkeitsmotiv für die Gegenwart angesehen wurde, von der Zeit der verstandesmäßigen Betätigung der Glaubenskräfte im Dienste auch irdischer Menschenwohlfahrt hat sich im Geiste der europäischen Völker eine Annäherung an den Geist des Judentums vollzogen. Nicht umsonst konnten infolgedessen führende jüdische Geister einen so außerordentlichen Einfluß auf die europäische Zivilisation und Anschauung gewinnen, wie dies durch den Sozialismus der Fall ist. Damit ist wenigstens theoretisch ein Teil der Voraussetzungen für die Art der Betätigung der Juden in der Zukunft bereits verwirklicht. Sollte jedoch mit der Verwirklichung des sozialen Programms durch die Juden deren Mission erschöpft sein? Wir finden eine Kraft ganz besonders häufig bei den Juden vertreten und stark betont, den Intellekt Glaube und Gehorsam waren in den alten Zeiten die beiden Grundelemente des Innenlebens der Juden. Im Mittelalter beginnt ein verstandesgemäßes Absuchen und Verweilen auf allen Gebieten des persönlichen und religiösen Lebens; ein undurchlässiges Netz von Anschauungen und Vorschriften aller Art wurde über die Häupter gestülpt. Dies geschah aber zu einer Zeit, wo die anderen Völker das Denken nur als Tätigkeit der höchststehenden Berufe betrachteten. Es ergibt sich als eigenartige Erscheinung, daß das Auftreten einer höheren Kultur in Europa in einem gewissen Zusammenhange mit dem Wohnsitz der Juden zu stehen scheint. Die Juden in Spanien und der Provence, in Schwaben und am Rhein, schließlich der Anteil der russischen Juden von heute an der intellektuellen Umgestaltung Rußlands sind hierfür Zeugen; sie arbeiten an der Verbreitung und Verallgemeinerung des Denkens erheblich mit. Früher war der Glaube ein Zweifelloses, Selbstverständliches. Heute verlangt der Verstand nach einer Losung der Lebensprobleme. Früher hatte sich der Glaube ein-

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