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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 822

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Solowjeffs Gedanken über das Judentum
Date
1917-03-01
Page
822 (sequence 8)
Language
German
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822 Gerhard Scholem: päische Kultur. Solchen Versuchen tritt der christliche Philosoph Solowjeff mit einem derartigen Rüstzeug von Scharfsinn, Geist und Wahrheitsliebe entgegen, daß sie sich als haltlos erweisen müssen. So war es nicht nur ein Dankesmanifest der russischen Juden für den unerschrockenen und unparteiischen Anwalt ihres Volkes, sondern ein tiefer Instinkt für die große Bedeutung dieses Philosophen, der die weltbewegenden Ideen des Judentums an der Wurzel erfaßte, wenn die russischen Juden nach dem im Jahre 1900 eingetretenen Tode Solowjeffs eine dreitägige Trauer für ihn anberaumten. Wien Edmund Müller JÜDISCHE JUGENDBEWEGUNG In den letzten Jahren und noch in dieser Stunde haben wir bei uns keine jüdische Jugendbewegung : keine Bewegung, die von jungen Menschen als Juden gespürt und getragen würde. Wir haben diese und jene Organisationen, und wir hören oft und viel von ihnen und ihren Programmen als den Körpern und Fahnen der jüdischen Jugendbewegung reden; aber was vergebens in ihnen gesucht wird, das ist oft nicht nur das Judentum und die Jugend, sondern immer und immer wieder die Bewegung. Ausnahmslos fehlen ihnen, großen und kleinen, die Insignien der Bewegung: Ganzheit, Geist und Größe. Sie mögen notwendig sein in mancher Hinsicht, und ihr Bestehen rechtfertigt sich hieraus, aber in der einen, hier entscheidenden, sind sie es nicht: daß sie sich fortwährend aus dem Strome der Bewegung neugebären. Wohl hat es eine jüdische Jugendbewegung gegeben, in den ersten Jahren der zionistischen Bewegung, solange der Herzische Gedanke Leben und Form hatte, aber der Inhalt mußte schwinden, als die geistige Lage sich änderte, und es ist bis heute kein neuer allgemein anerkannter geboren; damit aber war unter den neuen Geschlechtern der Same gesät, der nur allzu herrlich aufgegangen ist: die Verwirrung, von der und deren Überwindung hier wird geredet werden müssen. Die Jugend von gestern und heute hat es nicht vermocht, hier Wandel zu schaffen, im Gegenteil, immer ärmer ist sie geworden an Kräften und Inhalten: alles, was sie sagt, denkt und tut, ist schemenhaft, alles bloßes Gerippe, Gegenstand von Vorträgen und Diskussionen, Programm und Leitsatz, aber in Wahrheit nichts Wirkendes und Lebendes. So wenig war Jugendbewegung da und so wenig hatte sie die Macht über das Wollen der Geister gewonnen, daß unsere Jugend in den entscheidenden Stunden dem Kriege unterlegen ist. Dies ist der letzte und höchste Triumph der Verwirrung gewesen, und der tiefste Sündenfall, den wir erlebt haben. Er beweist. Die neue Jugend ist durch den Krieg in ihrem Werden beschleunigt worden. Ein neues Geschlecht steht vor der Aufgabe: Bewegung zu werden. Eines ist immer dagewesen — das soll nicht vergessen werden — und auch heute wieder da: Sehnsucht. Aber es kann nicht stark genug betont werden: man baut keine Häuser aus Sehnsucht, eine Bewegung kann sich nicht darauf gründen, daß man immer und immer wieder von der Sehnsucht redet, daß sie

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