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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 819

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Solowjeffs Gedanken über das Judentum
Date
1917-03-01
Page
819 (sequence 5)
Language
German
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Solowjeffs Gedanken über das Judentum 819 In der altjüdischen Theokratie sind Königtum und Priesterschaft durch das Prophetentum zu stark in Schatten gestellt worden. Die Schwächung des Königtums durch die Trennung der beiden Reiche Israel und Juda wurde auch für das religiöse Judentum verderblich. Das Priestertum hatte nach der Zerstörung des zweiten Tempels, als die Inspiration der Prophetie nicht mehr floß, nurmehr die Aufgabe, den religiösen Schatz zu wahren, und eine Mauer um denselben aufzuführen, von der Solowjeff allerdings meint, daß sie den Zugang zum wahren Leben eher erschwere als behüte. Das jüdische Volk mit seinen theokratischen Idealen ist seiner großen, besonders seiner religiösen Masse nach, hineingestellt zwischen die Polen mit ihrer katholischen Theokratie und die Russen mit der orthodoxen. Ob diese drei Völker dazu bestimmt sind, in einer allumfassenden theokratischen Idee sich geistig zu vereinigen, oder ob sie sich gegenseitig ausschließen, dieses ist nach Solowjeff das große religiöse Geheimnis der Zukunft und auch das politische. Das polnische Volk stellt den am weitesten nach Osten vorgeschobenen Posten der Kultur des Katholizismus dar; der Innenaufbau seines Volkstums ist durch die fast ausschließliche Repräsentation des Volkes durch die Aristokratie eine sehr mangelhafte. Gerade in Polen bilden hauptsächlich die Juden den Mittelstand, vertreten Handel und Gewerbe. Nun ist das Judentum von der Prophetie des Altertums und dem rationalisierten Schriftgelehrtentum von später zur besonderen Betonung der wirtschaftlichen Tätigkeit gelangt. Haben jedoch die theokratischen Ideale zu wirken angefangen, dann wird der Eigennutz, welcher die Gegenstände des Lebens und der Natur als Mittel zu persönlichem Zweck betrachtet, zurücktreten zugunsten der Tätigkeit im Sinne des Gemeinwohles. Dem kommenden Israel teilt Solowjeff die Aufgabe zu, bei der idealen und doch gleichzeitig zweckmäßigen Reform des materiellen Lebens werktätig einzugreifen, und mitzuwirken an der Schöpfung einer neuen Erde, auf der Gerechtigkeit und Wahrheit herrschen. Bevor jedoch das Judentum der Theokratie, die Völker verbindet, als Mitglied beitrete, und seine gesonderte Stellung verlasse, müsse sich ihm zuvor ein sichtbares und greifbares Christentum zeigen. Es müssen die Christen aufgehört haben, das Christentum zu verleugnen. 2. In dieser knappen unzureichenden Darstellung spiegeln sich die Anschauungen Solowjeffs über die Bedeutung und Mission des Judentums. Als den Leitfaden der Gesamtanschauung Solowjeffs über das Judentum finden wir die theokratische Idee heraus. Die Geschichte Israels beruhte auf der Auserwähltheit; diese hat dem Volke eine bestimmte Erziehung seelischer und geistiger Art auferlegt. Diese hat einerseits zur Entstehung des Christentums geführt, andererseits zur Zerstreuung des jüdischen Volkes unter die anderen Völker. Der Russe Solowjeff betrachtet sein Vaterland. Die Berührung und Durchdringung von Orthodoxie, Katholizismus und Judentum scheint ihm voll tiefer Bedeutung. Der Denker Solowjeff kennt keinen Zufall, er weiß, daß die seelischen Triebkräfte der Völker ihr Schicksal gestalten. Der tiefgläubige Philosoph Solowjeff sieht auf die Lenkung der Völkergeschichte wie auf einen gewaltigen, höchst großzügigen, über Jahrtausende hinausreichenden Plan, dessen äußerste Konturen bloß von dem suchenden Menschengeist begriffen werden können. Er weiß, wie die verborgenen Gegensätze des 57*

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