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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 818

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Solowjeffs Gedanken über das Judentum
Date
1917-03-01
Page
818 (sequence 4)
Language
German
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8i8 Edmund Müller: jüdische Volk die am meisten entsprechende Umgebung für die Verkörperung des göttlichen Wortes gewesen wäre. All dieses beweist nach Solowjeff, daß die Juden das auserwählte Volk Gottes waren. Woher aber dann die Entstellung eines großen Teiles des jüdischen Volkes, durch die es sich den Widerwillen vieler Völker zugezogen hat? Dafür hat Solowjeff die Erklärung: wenn die drei Grundeigenschaften des Judentums, der feste Glauben, das starke Selbstgefühl und der Wunsch seinen Glauben verwirklicht zu sehen, nicht im richtigen Verhältnis zueinander stehen, wenn die beiden letzten Kräfte nicht in der Richtung auf die Gottesherrschaft eingestellt sind, oder wenn eine derselben vorwaltet, dann offenbart der jüdische Charakter entstellte Züge. Nationaler Egoismus, verachtende Geringschätzung der anderen Völker stellt sich ein; Eigennutz und Skrupellosigkeit verdecken die edlen Züge des wahren Judentums dem fremden Auge. Nun kommt Solowjeff in seinem Werke , Judentum und Christentum" auf das Verhältnis der Juden zum Christentum bei dessen erstem Auftreten zu sprechen. Die Juden, sagt er, dachten sich eine Vereinigung mit Gott in der Form, daß das Volk als Ganzes sich zu Gott und seinen Satzungen halte; sie wollten auf dem Wege von außen her das erreichen, was erst auf dem Wege einer schwierigen inneren Spaltung und eines tiefgehenden moralischen Kampfes zunächst innerlich angeeignet und dann äußere Erscheinung wird. Der Jude von damals habe in seinen Vorstellungen vom Reiche Gottes an der Grenze seiner eigenen Nationalität Halt gemacht. Das Christentum sei den Juden als etwas Unbestimmtes, Abstraktes, Unreales erschienen. Insofern als es das Werk der Welterlösung nur mit der Person Jesu verbinden wollte, sei es ihnen als etwas zu Enges, Willkürliches, Unzulängliches erschienen. Hier kommt Solowjeff zu dem für seine Persönlichkeit charakteristischen Schluß: man könne den Juden nur durch die Tat beweisen, daß sie sich irren. Je vollständiger die christliche Welt die Idee innerer und äußererer Gottesherrschaft zum Ausdruck bringe, je mächtiger sie wirken würde auf das Leben des Einzelnen, auf das soziale Leben der christlichen Nationen, auf die politischen Beziehungen der Menschheit, desto augenscheinlicher würden die jüdischen Anschauungen widerlegt werden. Auf diese Weise sei die jüdische Frage eine christliche Frage. Die christliche Frage gipfelt für Solowjeff in der Durchdringung aller Institutionen mit den wahren Tendenzen des Christentums, in der daraus hervorgehenden harmonischen Verbindung des Heiles des Einzelnen mit der Staats-Idee. Er sagt: Sowohl Christentum als Judentum erstreben nach der Lehre der Propheten nicht nur eine Erneuerung des menschlichen Geistes, sondern hoffen — der Verheißung gemäß — auch auf eine neue Erde, auf der die Wahrheit wohnen wird. Sowohl dem Judentum als dem Christentum ward die Aufgabe zuteil, die Gerechtigkeit in der Menschheit zu verwirklichen. Da nur Gott, als planmäßiger Schöpfer und Führer, die Quelle aller Gerechtigkeit ist, so besteht die gerechte Gesellschaftsordnung in einer Verwirklichung des Gott-Menschentums im Einzelnen und in der Gesamtheit. Es muß ein die europäischen Völker umfassender Staatenbund in der Zukunft erstehen, der Gerechtigkeit im höchsten Ausmaß verkörpert. Dieser Staatenbund — der theokratische Staat — soll darauf aufgebaut sein, daß Vertreter der theokratischen Regierung alle Lebensgebiete führen sollen.

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