Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Solowjeffs Gedanken über das Judentum
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 817 (sequence 3)
- Language
- German
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Solowjeffs Gedanken über das Judentum 817 besonders Paulus, der größte Eiferer, waren, so sagt Solowjeff, Juden reinsten Wasser». Der Kern des früheren Judentums lebte nach Solowjeff im Glauben an das verheißene Gott-Menschentum; das gegenwärtige im Proteste gegen diese Anerkennung. Das zukünftige werde ein volles Leben rinden, wenn es lernen werde, im erneuerten Christentum die Gestalt der vollkommenen Gott-Menschheit zu erkennen und zu finden. Die das jüdische Volk hauptsächlich charakterisierenden Eigenschaften, die es befähigen, ein besonderes Werkzeug in der Geschichte darzustellen, sind nach Solowjeff: 1. die tiefe Religiosität und selbstaufopfernde Gottergebenheit (im Ostjudentum), 2. das starke Hervortreten von Selbstgefühl, Selbstbewußtsein und Tatendrang, 3. der praktische Materialismus. Der Jude sah die religiöse Aufgabe des Menschen nicht darin, daß er pantheistisch in der Gottheit aufgehe. Umgekehrt, es bestimmt sich der Gott Israels als die vollkommenste Persönlichkeit, als das absolute Ich. Die jüdische Religion ist darum der Ausdruck für eine persönliche Wechselwirkung zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Ich. Der Bundesvertrag bildet den Kernpunkt der jüdischen Religion, eine einzig dastehende Tatsache in der Religionsgeschichte aller Völker. Die jüdische Religion beginnt mit dem persönlichen Verhältnis zwischen Gott und Mensch, im alten Bunde Abrahams. In der christlichen Religion werden, meint Solowjeff, beide Naturen, die menschliche und göttliche, untrennbar verschmolzen. Dies seien nicht zwei verschiedene Religionen, sondern zwei Stufen einer Religion. Diese wahre gott-menschliche, jüdisch-christliche Religion, schreite zwischen zwei extremen Verirrungen des Heidentums hindurch. In der einen werde der Mensch durch die Gottheit absorbiert (Indien), in der anderen die Gottheit selbst in ein Schattenbild des Menschen verwandelt (Griechenland und Rom). Die Religion, die wir beim israelitischen Volke finden, schließe die Entwicklung der freien menschlichen Persönlichkeit nicht aus, sie fördere sogar das Selbstgefühl, den Tatendrang des Menschen. In dem ungeduldigen Drängen, das Göttliche auf Erden zu verwirklichen, sei der leitende Faden zum Verständnis des jüdischen Materialismus zu finden. Von den drei Arten des Materialismus, die Solowjeff aufzählt, ist nach seiner Meinung die erste auf bloßen Sinnesgenuß gerichtete bei den echten Juden selten anzutreffen. Die zweite Art, die des intellektuellen Materialismus, welche alle Wahrheiten göttlicher und geistiger Natur leugnet, oder sie auf Elemente der Natur zurückführt, sei nicht auf jüdischem Boden gewachsen. Dagegen sei der religiöse Materialismus charakteristisch für das Judentum. Der Jude verlange für jede Idee und jedes Ideal eine sichtbare und greifbare Verkörperung. Der Jude sei fähig und bereit, die höchste geistige Wahrheit anzuerkennen, aber nur unter der Bedingung, daß er zugleich auch ihre realen Wirkungen sehe und fühle. Der jüdische Denker trenne die Materie nicht von ihrem göttlichen und geistigen Ursprung. Er erblicke in der Materie die noch nicht zu Ende gebaute Wohnstätte des gott-menschlichen Geistes. Die Idee der heiligen Körperlichkeit — in unzähligen hygienischen Satzungen dargelegt — spielte eine sehr große Rolle im Leben Israels; die Geschichte Israels zielte darauf hin, nicht nur heilige Seelen, sondern auch heilige Leiber zu bereiten. So sei es zu verstehen, daß gerade das Heit 12. 57