Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Solowjeffs Gedanken über das Judentum
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 816 (sequence 2)
- Language
- German
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8i6 Edmund Müller: Seligkeit. Als er für die Aufhebung der über die Attentäter Alexander II, 1881 verhängten Todesstrafe eintrat und dabei die Worte gebrauchte, das russische Volk werde sich sonst vom Zaren lossagen und seine eigenen Wege gehen, fand seine Tätigkeit als Dozent an der Petersburger Universität einen plötzlichen Abschluß; durch Unterdrückung und Entstellung seiner Werke raubte ihm die russische Regierung den Kontakt mit dem Publikum. Er lebte dann als freier Schriftsteller, zum Teil auch im Auslande. Seine Lebensführung war eine sehr charakteristische; so litt er fast immer an Mangel, trotz großer Einnahmen, weil er zu reichlich an Bedürftige gab. In seinen Jünglings jähren überzeugter Materialist, hatte er in seinem 21. Jahre die bedeutsame Wandlung zu jenem großangelegten synthetischen Denken erfahren, das, aus der Quelle tiefster Innenreligiosität schöpfend, in voller Beherrschung der philosophischen und naturwissenschaftlichen Systeme des Westens fortab die Tendenz zu einer umfassenden Vereinigung aller scheinbaren Gegensätze bekundete. Aus dieser Geschlossenheit heraus verschmähte er es, sich irgendeiner herrschenden Geistesrichtung anzuschließen, um Erfolg oder Anhänger sich zu bekümmern. Daher wurden abwechselnd Vorwürfe gegen ihn laut, er stehe im Dienste des Papstes, der Alliance Israelite; in konservativen Kreisen galt er als revolutionär, in revolutionären als konservativ. Über seine Stellungnahme zum Judentum im allgemeinen gibt seine Äußerung Aufschluß: ,,Die christliche Welt hat in ihrer Masse den Juden gegenüber bis jetzt nur den unvernünftigen Eifer des Fanatismus, oder kraftlosen Indifferentismus gezeigt. Ich glaube an die Vereinigung des Hauses Israel mit den Christen auf einem ihnen gemeinsamen theokratischen Boden". Als den Grund der westeuropäischen Toleranz gegenüber den Juden bezeichnete er nicht die Tiefe der religiösen Anschauungen, sondern die Gleichgültigkeit ihnen gegenüber. Nicht auf einer höheren moralischen Kraft beruhe diese Toleranz, sondern auf dem Überwiegen wirtschaftlicher Interessen. Diese oberflächliche Toleranz befriedigte ihn nicht. Sein in die Tiefe gerichteter Geist suchte nach einer Formel, diese Gegensätze aufzuheben. Eine andere wirkliche Lösung der Judenfrage als auf religiösem Gebiete, erklärte er in einem Vortrage an der Petersburger Universität über „Die welthistorische Bedeutung des Judentums", scheine ihm nicht möglich. Die Christen seien deshalb von den Juden getrennt, weil sie noch nicht vollständige Christen seien. Das volle Christentum umfasse das Judentum, und das volle Judentum sei das Christentum. Die Schicksale des Judentums, behauptet Solowieff weiter, seien auf drei Tatsachen seiner Geschichte zurückzuführen: 1. daß Christus dem Fleische und der menschlichen Seele nach reinster Jude war, darin bestehe die Vergangenheit des israelitischen Volkes; 2. die Verleugnung Christi durch den größten Teil der Juden — darin besteht die gegenwärtige Lage Israels. 3. die Konzentrierung der religiös intensivsten Juden an der Grenze der lateinischslawischen und der griechisch-slawischen Welt — dies weise in die Zukunft. Die Geburt Christi komme unter den Völkern nur dem auserwählten Volke zu — die Bedingungen zu dieser Auserwählung müssen im Charakter der Juden bereits gelegen haben; wer Christus als Gott anerkenne, müsse die Juden als ein Gott-zeugendes Volk anerkennen. Auch die ersten Vertreter des Christentums,