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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 814

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Vom Moskauer Juden
Date
1917-03-01
Page
814 (sequence 6)
Language
German
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814 Karl Nötzel: Vom Moskauer Juden Deutschtums gesagt werden, daß dort keine Spur von Antisemitismus herrscht. Der littauische Jude sucht dagegen ausschließlich russische Kreise -auf — die deutschen Kreise sind freilich vornehmlich kaufmännisch. Der polnische Jude ist oder war wenigstens zu meiner Zeit unzertrennlich von den Polen — und die halten in Moskau wie überall außerordentlich zusammen. Der südrussische Jude endlich geht völlig in russischen Kreisen auf und unterhält auch starke Beziehungen zu Regierungskreisen — veranlaßt durch seinen Beruf als Großindustrieller. 4- Was schließlich die Frage betrifft, ob das Judentum sich in Rußland erhalten wird, so möchte ich sie durchaus bejahen. Wohl ist bereits ein gewisser Teil der jüdischen Intelligenz — wie übrigens auch der deutschen — mit dem Russentum verschmolzen und ihm von großem kulturellen Segen gewesen, indes besteht meines Erachtens ein so gewaltiger Unterschied in der ganzen geistigen Art des Russen und des Juden, daß ein restloses Aufgehen des Judentums im Russentum mir ausgeschlossen erscheint. Der Jude und der Russe können sich eigentlich nur finden auf der Plattform der rein geistigen oder rem menschlichen Interessen. Tatsächlich sehen wir auch nur da — in Wissenschaft, Kunst und Politik — den Juden mit dem Russen zusammenarbeiten. Ja, hier ergänzen sie trefflich einander. Dem Russen ist immer und überall der Gefühlsantrieb die Hauptsache; alles Systematische, alles, was irgendwie Aufsicht über das fühlende Ich verlangt, bleibt ihm in tiefster Seele zuwider. Der Jude ist dagegen in hohem Grade veranlagt für die geistigen Verpflichtungen einer Willensrichtung. Er ist eigentlich geistiger Organisator von Hause aus. Und wäre es noch viel mehr, wenn ihm nicht ein gewisser Hang zur Abstraktion anerzogen worden wäre. Hier korrigiert ihn wiederum aufs glücklichste der Russe: ihm ist alle Abstraktion so in den Tod verhaßt, daß er sich nie dazu entschließen kann, das volle Leben zu scheiden in erlebte Wirklichkeit und Reflexion. Darum sind seine eigentlichen Denker seine großen Erzähler geblieben. Zusammenarbeiten können also der Jude und der Russe. Und zweifellos muß auch etwas Gutes dabei herauskommen: denn wenn der Jude vielleicht zu fleißig ist, so ist der Russe entschieden zu faul. Ob aber Jude und Russe auch zusammen leben können, das heißt jenseits der Arbeit: in dem Leben, das man sich aussucht nach seinen Geschmäckern und Neigungen, wtiß ich wirklich nicht. Sie sind allzu verschieden — jenseits der Gesinnung. Der Russe ist eben — man mag noch soviel von seinem Mystizismus zusammenphantasieren — doch nun einmal alles in allem genommen herzhafter Diesseiter: der Welt gegenüber ein zwar durch erhöhte Gefühlsansprüche verfeinerter, aber unrettbarer naiver Realist; seine erkenntniskritische Anspruchslosigkeit ist einfach unheilbar. Ihn kann auch garnichts in der Überzeugung erschüttern, daß er die Welt erlebt, und man garnicht anders erleben kann wie er. Die einzige geistige Besorgtheit des Russen geht denn auch nur darum, daß es wirklich Menschen gibt, die bestreiten, daß die Welt endlich so werden muß, wie sie der Russe nötig hat. Nun stelle man demgegenüber den Sohn Israels, der immer und überall die geistigen Geschicke der Menschheit so sehr mit sich herumschleppt, daß er garnicht mehr wagt — aus Angst den Dingen unrecht zu tun —• den einzelnen Gegenstand zu beschauen, daß er ausschließlich lebt in der Welt der Begriffe. Man vergleiche ferner einen russischen Weltbeglücker — und das ist doch jeder Russe, — man vergleiche einen Dostojewsky, der den Eingang ins Allmenschentum

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