Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Vom Moskauer Juden
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 813 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Moskauer Juden 813 schäfte im Stich, um mit seinem schwindsüchtigen Sohn nach dem heilenden Süden zu reisen; und er rettete ihm tatsächlich das Leben. Auch von rührenden Entbehrungen ward ich Zeuge, die sich jüdische Familienväter auferlegten, um Talente ihrer Kinder ausbilden zu lassen (wobei sie nebenbei bemerkt auch noch sehr intelligent vorgehen, indem sie sich stets an die ersten Lehrer wenden). In der russischen Kunst spielen die Juden überhaupt eine große Rolle. Ich nenne nur Rubinstein, Antakolsky, den bisher größten russischen Bildhauer (so genannt von „Antakol", einer jüdischen Vorstadt Wilnas, sein wirklicher Name ist echt jüdisch),'den trefflichen Landschafter Lewitan und viele andere. Namentlich groß ist in Rußland wie überall das jüdische Interesse für Musik. Als ein eifriger Konzertbesucher konnte ich feststellen, daß die Moskauer Juden das eigentliche Stammpublikum aller Konzerte in Moskau bilden. Auch unter den Schülern des Konservatoriums finden wir sie in sehr großer Zahl. Ebenso fand ich die Moskauer Juden zahlreichst vertreten auf allen Bilderausstellungen, und daß sie auch Bilderkäufer sind von Großzügigkeit und Geschmack, bewiesen zu meiner Zeit mehrere Ausstellungen der Werke verstorbener großer russischer Meister: ihre Hauptwerke fanden sich regelmäßig in jüdischem Privatbesitz. Groß ist trotz aller Schwierigkeiten, die dem Universitätsstudium des Juden in Rußland bereitet werden (die meisten russischen Judenmüssen aus den oben angeführten Gründen im Ausland studieren), die Zahl der Juden unter der Moskauer Intelligenz: Journalisten, Ärzten und vor allem Rechtsanwälten. Die ersten Moskauer und Petersburger Advokaten sind Juden. Zu ihnen zählen ausnahmslos die berühmten Verteidiger der politischen Angeklagten. Wenn ich russische Kaufleute frug, weshalb auch sie die jüdischen Advokaten den russischen vielfach vorziehen, rühmten sie deren „milde" Gerechtigkeit. Und das entspricht auch meinen persönlichen Erfahrungen. Schließlich noch in aller Vorsicht ein Wort über die ihrer Herkunft entsprechende Verschiedenheit der Moskauer Juden. In jüdischen Kreisen ist darüber viel gestritten worden. Im allgemeinen einigte man sich dahin, daß der kurländische ebenso wie der sehr zahlreich vertretene ostpreußische Jude der kulturellste ist und dementsprechend mehr Wert legt auf Gesichertheit seiner Lage und gebildete Lebensführung, als auf soziales Vorwärtskommen. Hier wird viel für Erziehung und Bildung der Kinder getan und herrscht ein inniger Zusammenhalt des Elternhauses. Auf diesem Boden — meist wohlhabende, aber nicht eigentlich reiche Kaufmanns- und Fabrikantenkreise — wuchsen bisher die stärksten jüdischen Intelligenzen. Ebenfalls auf Bildung erpicht, aber ausgesprochen ehrgeizig soll der litauische Jude sein (er stellt das Gros der jüdischen Juristen, Ärzte, Publizisten), während dem polnischen Juden vornehmlich Freude an der Technik und an rastloser Tätigkeit nachgerühmt wird: bevorzugt sind hier die Berufsarten des Ingenieurs, Apothekers, Zahnarztes und vor allem des Agenten in jeder möglichen Form. Letztere ist dann die eigentliche Tätigkeitssphäre für den südrussischen Juden: aus seinen Kreisen gehen die ganz kleinen und die ganz großen jüdischen Handelsherren und Unternehmer hervor. Diesen Berufs- oder besser gesagt Temperamentsunterschieden entspricht auch die nationale Anlehnung der verschiedenartigen russischen Juden. Der kurländische bevorzugt — das erklärt sich schon aus seiner Herkunft — das deutsche Element. Es muß dabei zu Ehren des auch sonst in vielem vorbildlichen Moskauer