Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Vom Moskauer Juden
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 815 (sequence 7)
- Language
- German
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Edmund Müller: Solowjeffs Gedanken über das Judentum 8iS vom Durchzug durchs Allrussentum abhängig macht, mit dem eigentlichen Juden, dem Chassid, der eben gerade aus der Einzigartigkeit jedes Dings und Wesens seinen unabweisbaren Anspruch auf unbedingte Ehrfurcht ableitet (übrigens durchaus im Sinne des deutschen Idealismus) und der den wundervollen Ausspruch tat: „Wenn der Messias mir sagte: ,Du bist mehr wert als irgend ein anderer!' so würde ich ihm sagen: ,Du bist nicht der Messias Nein, der Russe und der Jude können zusammerarbeiten und werden gemeinsam Treffliches leisten, der Russe wird aber nie den Juden verschlucken. Pasing bei München Karl Nötzel SOLOWJEFFS GEDANKEN ÜBER DAS JUDENTUM I. Mitten unter den syrischen Kleinstaaten, die ein beständiger Zankapfel zwischen Ägypten und Assyrien waren, hatte das jüdische Volk seinen Wohnsitz. Fast spurlos und restlos sind diese Völker untergegangen, und auch die späteren mächtigen Weltreiche der Perser und Römer. Nur das kleine, wenig beachtete Volk der Juden ist geblieben. Man könnte ja sagen: durch Zufall, durch eine eigentümliche Konstellation der Weltgeschichte. Aber es ist dann ein ebenso merkwürdiger Zufall, wenn jene Schriften, welche das Judentum etwa 3—8 Jahrhunderte vor seiner Zerstreuung hervorgebracht hat, wiederholt und deutlich auf diesen kommenden Zustand der Zerstreuung hinweisen. „Zum Sprichwort und zum Hohn wirst du sein unter allen Völkern, zu welchen dich der Herr führen wird. Unter den Völkern wirst du keine Rast und Ruh haben." So und ähnlich lauten die Weissagungen, die in der Vergangenheit und Gegenwart ihre Erfüllung bereits gefunden haben. Bei dieser Einzigartigkeit des jüdischen Volkes setzt der russische Philosoph Wladimir Solowjeff*) ein. Er sah gerade in den slawischen Gebieten, wo Katholizismus und Orthodoxie aneinander grenzen, die kompaktesten Massen der Juden. Das jüdische Problem nahm ihn so gefangen, daß er die hebräische Sprache, Bibel und Talmud gründlich studierte. Er kam zur Überzeugung von der inneren geistigen Verwandtschaft zwischen Judentum und Christentum, zur Anschauung, daß sie bloß zwei Stadien einer und derselben gott-menschlichen Religion darstellen. Als Russe fühlte er sich mitschuldig an der unglücklichen Lage der Juden in Rußland und trachtete sein Teil zur Bekämpfung des Antisemitismus beizutragen. Ein Interpret Solowjeffs sagt von ihm, seit Lessing habe kein Nichtjude eine derartige Popularität und Liebe bei den Juden genossen wie er. Sein Programmpunkt, er halte es für seine Pflicht in anbetracht der schädlichen Fälschungen des Christentums dessen Grundlinien klarzulegen, erweckte Widerspruch und Feind- *) Von einer deutschen Ausgabe der „Ausgewählten Werke" Solowjeffs in drei Bänden (Eugen Diederichs Verlag, Jena) liegen die beiden ersten vor. (Anm. d. Red.)