Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Vom Moskauer Juden
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 812 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875897-3101697--1130-3101759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8X2 Karl NÖtzel: gerade treugebliebene, denen das Festhalten an ihrem Judentum große Hemmungen in den Weg legte: zum Beispiel zum Abschied von der Universität zwang (unter anderen Herzenstein und Metschnikoff, der dann ins Ausland zog). Gerade unter den Märtyrern des russischen Liberalismus sind die Juden besonders stark vertreten. Herzenstein ward ja bekanntlich von echtrussischen Leuten ermordet und ebenso der hervorragende Moskauer Publizist und Mitherausgeber der „Russkija Wjedomosti" Jollos (der nebenbei bemerkt als langjähriger hochtalentierter Berliner Korrespondent eben dieser Zeitung sehr große Verdienste hat um das Verständnis des Deutschtums in Rußland —- so schwach es noch ist). Da aber der russische Liberalismus bei aller seiner politischen Einflußlosigkeit die öffentliche Meinung der Gebildeten Rußlands durchaus beherrscht, so konnte sich die hier übliche Unbefangenheit dem Judentum gegenüber auch auf dem Theater ruhig äußern. Die Juden, die in modernen, in Moskau vielfach und mit reichem Beifall gespielten russischen Stücken vorkommen — ich erwähne nur Tschirikoffs „Hebräer" und Juschkewitsch' „In der Stadt" — sind ausnahmslos ernst, zum Teil vorbildlich aufgefaßt. Ihr Lebenskreis wird mit Vorliebe dazu benutzt, schwierigste gesellschaftliche Probleme zu erörtern. Diese wahre Stellung des gebildeten Rußlands zum Judentum äußerte sich schließlich überzeugend darin, daß der einst sehr beliebte (freilich allzu geschäftige/ Andrejeff in seinem vor mehreren Jahren großes Aufsehen erregenden und bald verbotenen Stück „Anathema" zum Vertreter reinen Menschentums, zum siegreichen Gegenspieler des Satanas, den Juden Leiser wählen konnte» Will man überhaupt die Stellung des russischen Juden, dessen sehr interessante Geschichte noch zu schreiben bleibt, einigermaßen verstehen, so darf man eben nie aus den Augen lassen, daß er in einem Lande lebt, dessen Bevölkerung in mehrere Schichten gespalten ist, die sich teils völlig verständnislos gegenüberstehen, wie das Bauerntum und das ganze übrige Rußland, teils, wie das adlig offizielle und das intelligente Rußland, infolge von die Jahrhunderte durchziehenden Gegensätzen rein kultureller Art derart einander entfremdet sind, daß sie bereits ganz verschiedene Sprachen sprechen. Jede dieser Schichten stellt sich anders zum Juden: das Bauerntum macht gar keinen Unterschied zwischen ihm und jedem andern Nichtbauern, das offizielle und das adlige Rußland haßt und verfolgt ihn in wahrhaft tatarischer Weise, und das intelligente Russentum endlich gewährt dem Juden völlige geistige Gleichachtung und nimmt ihn gerne als Mitkämpfer an um die menschlichen und bürgerlichen Freiheiten für Rußland. Das Judentum hat demnach zwei Hauptfeinde in Rußland: die Reaktion, die immer bestrebt sein wird, den Haß, den sie selber erregt, abzulenken auf die Wehrlosesten, und den Panslawismus, der gleichfalls zu seinen nicht immer sauberen Machenschaften mehr und mehr einen Sündenbock braucht. Und Israels Schuld vor den Völkern ist doch nun einmal — so scheint es wenigstens mir als Nichtjuden — vor allem seine Wehrlosigkeit. 3- Wenn ich wohlmeinende Russen nach den Moskauer Juden fragte, hörte ich sie stets ihr ausgezeichnetes Familienleben rühmen und die vorbildlichen Opfer, die der jüdische Familienvater seinen Kindern bringt. Ich selber erlebte es mehr als einmal, wie arme Juden ihr letztes Geld daran setzten, ein erkranktes Kind zu heilen — und das war niemals ihr einziges Kind. Da war ihnen gar nichts zu schade. Einer meiner Bekannten verkaufte wörtlich genommen Hab und Gut und ließ alle Ge-