Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Vom Moskauer Juden
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 811 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Moskauer Juden 8iz allein der seltsame Zusammenhang ergibt, daß man ihn immer noch „straft", trotzdem man längst weiß, daß er krank ist und wir ihn heilen müßten, weil wir alle schuldig sind an seiner Krankheit.) Es kann hierbei nicht verschwiegen werden, daß im russischen Antisemitismus auch der Panslawismus eine große Rolle spielt. Gerade von dieser Seite her droht dem russischen Judentum in Zukunft die größte Gefahr. Jeder Antisemitismus ist nun freilich dem Geist des ursprünglichen Panslawismus durchaus entgegengesetzt, der, wenigstens bei seinem Aufkommen in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, eine rein ethische Bewegung darstellte und die Toleranz zu einer seiner Forderungen erhob. Indes erklärte bereits in den sechziger Jahren Aksakoff das Fehlen von Antisemitismus für ein Zeichen von religiöser Gleichgültigkeit! Mit der panslawistischen, und das ist die eigentlich russisch nationalistische Richtung (notgedrungen: weil eben Rußland aus verschiedenen slawischen Nationen besteht), kam aber der Antisemitismus auch in die große russische Literatur. Ich meine hier weniger den naiv rohen Antisemitismus des ukrainischen Renegaten Gogol, ich will sogar ganz schweigen von sehr bedenklichen und höchst leichtsinnigen Äußerungen des schon bekehrten Tolstoi; wer hier vornehmlich in Betracht kommt, ist Dostojewsky. Sein geist- und gottverlassener Judenhaß wird dem Nichtkenner der russischen Seele ein ewiges Rätsel bleiben: denn das ist doch derselbe Dostojewsky, der im „Idioten" und vielfach anderswo eine Alliebe predigt, in der auch kein Winkelchen mehr bleibt auch nur für eine Verstimmtheit gegen irgend einen Menschen! Aber die russische Seele ist eben sehr breit: es findet da stets eine ganze Reihe derartiger unausgleichbarer Widersprüche Platz, an einem einzigen von denen eine Westeuropäerseele zerschellen würde. Trösten wir uns indes damit, daß von Dostojewsky seine Liebe fortleben wird und nicht sein Haß. Aber auch selbst der vornehmste aller Panslawisten, Wladimir Solowjeff, der wirklich nur geistige Mittel angewandt wissen wollte in nationalen Dingen, und dessen letztes Gebet der Bekehrung der Juden galt, beweist in seinem „Judentum und Christentum" ein sehr gefährliches Nichtverstehenkönnen Israels — oder vielleicht besser gesagt: erschreckende Unfähigkeit zur wahren Toleranz, deren Urgrund ja immer und überall nur geistige Gleichachtung sein kann. Durch das Medium des Panslawismus droht nun freilich auch der führenden russischen Gesellschaft, der Intelligenz, den Erben des alten russischen Liberalismus, die Ansteckung mit Antisemitismus. Heute mehr denn je. Zu meiner Zeit war aber davon noch garnichts zu merken. Im Gegenteil! In der wirklich gebildeten russischen Gesellschaft, die in dem weit verbreiteten, vorbildlich vornehmen Moskauer Intelligentenblatt „Russkija Wjedomosti" („Russische Nachrichten") ihr Sprachrohr hat, galt wenigstens damals alles, was auch nur von ferne an Antisemitismus erinnert, für geistig und moralisch rückständig. Dies scheint mir dabei auf die eigentliche Geisteshaltung des wahrhaft gebildeten Rußlands zurückzugehen — und garnicht auf die freilich unbestreitbare Tatsache, daß gerade diese Gesellschaft den so großen Bedarf Rußlands an Intelligenz aufs schmerzlichste begreift. Jedenfalls erklärt es sich wohl vor allem aus der judenfreundlichen Gesinnung dieser in rein geistigen Dingen führenden Gesellschaftsschicht Rußlands, daß die gebildeten russischen Juden eine sehr große Vorliebe für Rußland hegen und auffallend gern ihre russische Nationalität betonen. Bekanntlich haben auch die russischen Juden im liberalen Rußland eine sehr große Rolle gespielt — eine viel größere als in der russischen Revolution — und zwar durchaus nicht nur getaufte Juden, vielmehr