Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Vom Moskauer Juden
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 810 (sequence 2)
- Language
- German
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8io Karl Nötzel: unter dieser Mehrbelastung. Aus den Zeiten des Übergangs wurden übrigens geradezu heroische Taten berichtet von um ihr Dasein — und das heißt hier die Erhaltung ihrer stets zahlreichen Familien — kämpfenden Juden. Immer wieder kamen sie nach Moskau auf kürzere oder längere Zeit. Da aber den Paßlosen in Rußland niemand aufnehmen darf, ohne schwerster Strafen gewärtig zu sein, so führten diese Juden ein Dasein, gehetzt und verfolgt wie das der ersten Christen, Sie übernachteten im Freien oder ließen sich zur Nacht in Geschäftshäusern und Fabriken einschließen. Wurden sie ertappt, so erhielten sie schwere Kerkerstrafe. Trotz alledem lebte die jüdische Gemeinde — freilich sehr geschwächt durch Übertritte, namentlich zur reformierten Kirche — ihr tätiges Dasein. In der Öffentlichkeit merkte man freilich wenig von ihnen. Ich selber — als Nichtjude — kam mit ihnen in Berührung bloß durch abtrünnige Elemente, die indes in engem Zusammenhang blieben mit den treu gebliebenen Juden. Die Juden, getaufte und ungetaufte, leben überall in Moskau zusammen. Viele von den großen Mietshäusern haben ausschließlich Juden zu Mietern. Auch von den Sommeraufenthaltsorten um Moskau herum sind einige ausschließlich von jüdischen Sommergästen bevölkert; ich nenne Bogorodskoje und vor allem Malachowka. Grade an diesen Orten begriff man den Sinn jüdischen Zusammenlebens: am Schabbes sah man Haus an Haus die siebenarmigen Leuchter brennen. In allen größeren Landhäusern wurden gemeinsame Betstunden abgehalten. Öffentlich trat die jüdische Gemeinde nach dem schweren Schlag, der sie betroffen hatte, eigentlich bloß noch bei Zarenbesuchen hervor, wo ihre Vertreter neben denen der andern nicht orthodoxen Bekenntnisse jedesmal offiziell empfangen wurden. In liberalen russischen Kreisen erregte es starkes Aufsehen, als bei einem dieser Empfänge ein kleinerer jüdischer Fabrikant S. dem Kaiser Alexander III. auf eine Anfrage über das Moskauer Judentum so freimütige Auskunft gab, — daß er wegen Unehrerbietigkeit gegen Seine Majestät" zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt ward. Auch sonst zeichnete sich das treugebliebene Moskauer Judentum durch Charakterfestigkeit aus. Bisweilen äußerte sich das unwillkürlich und zur großen Freude derer, die ein Interesse daran hatten, Israel zu verfolgen. 2. Was indes im allgemeinen das Verhalten der Moskauer Bevölkerung zu den Juden anbetrifft, so hegt oder besser gesagt hegte meiner Erfahrung nach das einfache russische Volk ebensowenig Haß gegen die Juden wie gegen andere Ausländer. Nicht mit gleicher Bestimmtheit möchte ich das vom russischen Kleinbürgertum behaupten: innerlich schwach und zwischen den übermächtigen Schichten des Bauerntums und der Intelligenz schwebend, ist es das allerreaktionärste und konservativste Element in Rußland und in hohem Grade zugänglich der nationalistischen Vergiftung durch die offizielle Presse. Das offizielle Rußland aber: die russische Regierung, das russische Beamtentum und der russische Adel, sind Antisemiten in einer tatarisch geistlosen und zynisch brutalen Weise. Weshalb? Nun, ich meine aus ganz denselben Gründen, aus denen man überhaupt antisemitisch ist (im ethischen Sinne). Man hat eben jemanden nötig, den man verachten will, damit man sich selber achtungswürdiger vorkomme, als man sich vorkommen würde ohne diesen Hintergrund. Dieser Jemand ist natürlich immer der Wehrloseste. (Israel spielt in der ganzen Welt die Rolle, die etwa in noch höherem Maße dem internationalen Spießbürgertum gegenüber der Verbrecher spielt, woraus sich