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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 808

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens
Date
1917-03-01
Page
808 (sequence 8)
Language
German
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8o8 Henoch Sohar: Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens der religiösen Ideen im Individuellen, die wir an den Ausgangspunkt unserer Betrachtung stellten, wird nunmehr richtunggebend für alle neue religiöse Bestrebung des Menschentums: daß es eben die Aufgabe des Menschen ist, die Freiheit seines Lebens vor Gott, sein Gottfühlen und seine Gottidee, zu bekennen. Im Bilde des Gotteskämpfers „Israel" liegt die Aufgabe der Menschheit, die ein Gotteskämpfertum ist. Der „Monotheismus" als abstrakte, zwingende Einheit hat nie gelebt; er lebt nur als persönlicher Gott des einzelnen religiösen Juden, gefühlstief, unfaßbar erhaben und vielfältig unserem Ich sich entringend. Daß dieses freie Religiöse im Einzelnen sich losringe, ungehemmt und unbezwingbar durch Zeremonialformen, die nicht mehr Sinnbild sein können, ist nur im Leben der nationalen Gesamtheit verbürgbar, die nur jene Symbole pflegen und neuschaffen wird, die ihr organisches Leben mitleben. Die Freiheit des Einzelnen vor der religiösen Form gilt auch innerhalb gesonderter religiöser Gemeinschaft, deren Bindung eine frei gewählte ist. Alle Freiheit des Einzelnen wird nur dort Einschränkung erfahren, wo die soziale Bestrebung freireligiöser Organisationen dies erfordern sollte. Die Idee des einen persönlichen Gottes muß zur religiösen Gewissensfreiheit des Einzelnen führen. Auf den Verzicht des religiösen Machtelementes als eines dem Jüdisch-religiösen fremden weist insbesondere die messianische Idee des Judentums hin. Die nationale Formung des Messianismus, wie sie die Propheten Micha und Jesaia geben, ist auch Ideal der nationalen Gegenwart. Wohin immer das Menschentum führen möge, der Weg des Nationalen ist ihm vorgezeichnet. Die messianische „Menschheitserlösung" erschien den Propheten des Judentums als Völkerfriede, also als ungestörte Existenz des Nationalen, in religiöser Verschiedenheit und doch Einheit in Gott.*) Die messianische Idee des fortschreitenden Menschentums bis zur Erlösung aus seiner Aufgabe ist berufen, die jüdische Menschheitsreligion in der jüdischen Nation fortzuführen. Das nationale Judentum trägt seine religiöse Forderung in die fernste Zukunft, es bindet im nationalen Bekenntnis intensivste Religiosität. Der jüdische Erlösergedanke ist nur im Wirken der Gesamtheit erfüllbar, er ist nationale Tat der Befreiung aufsteigenden Judentums und seiner ungehemmten Auswirkung. Die innersten Anzeichen des sich wandelnden Monotheismus gibt schließlich die neuchassidische Bewegung, die ewige Entwicklungen in sich trägt. Sie lehrt die innigste Verpersönlichung des Göttlichen im Menschen, die religiöse Macht des Menschen, seine stufenweise Selbstbefreiung, das Fallen aller zwingenden Form. Noch liegt zwar das religiöse Judentum in den erstarrten Fesseln einst lebendiger Aufgaben, doch die neuen Forderungen und Aufgaben durchbeben den Volkskörper, sie lösen die Fesseln von den Einzelnen, wie schon vor langem von Baruch Spinoza, dessen Judentum geschmäht und verketzert, doch nicht erkannt wird. Die Erscheinung dieser Einzelnen in Jisrael ist das kostbarste Gut, das Erbe aus Urzeiten. *) Jesaia II. 1-5, Micha IV. 1-4. Der Friede der Nationen. Zugleich als Friede der Religionen gefaßt: Micha IV. 5.: „Denn alle Völker werden wandeln, jeder im Namen seines Gottes. Wir aber wollen wandeln im Namen unseres Gottes immer und ewig.**

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