Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 809 (sequence 9)
- Language
- German
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Karl Nötzel: Vom Moskauer Juden 809 Sie sind es, die im Menschheitlichen religiöse Wahrheit formen und fordern, ihr Ermessen des Göttlichen wird Grundmaß der Gesamtheit, wenn die Erneuerung auf dem Wege ist.;. Das gesamtnationale Judentum steht vor neuer, hoher Forderung. In die Gemarkungen und Nationen der Zerstreuung niedergezwungen, erhebt es sich zu riesenhafter Aufbäumung, Einheit und Freiheit, Vollkommenheit des nationalen Lebens auf der jüdischen Heimatsscholle ist das Streben. Über alle Scholle der Zerstreuung schwingt sich diese Sehnsucht zur gemeinsamen Tat. Eine ringende, sich befreiende Menschenschar überschreitet Gemarkung um Gemarkung, eint sich in der Größe der Aufgabe, Es ist religiöse Umfassung aller Zerstreuungsscholle, befreites Menschentum vor der Gottheit in diesem Streben, das nur eine nationale Bindung anstrebt: die Einfügung in die Heimatsscholle, in die jüdisch gewordene, die in ihrer eigenartigen Lage das Schicksal unserer Zerstreuung als Grundtatsache gewirkt hat, die auch unser künftiges Leben als jüdische Scholle begleiten wird. Dieses umfassende Streben nach jüdischer Einheit bahnt sich den Weg der Einheit, in Gedanke und Vorsatz, in Einheitssprache und Einheitstat. Keine jüdische Konfession, kein entnationalisiertes Landesjudentum, kein undeutliches Solidaritätsjudentum kann vor der Größe dieser Forderung bestehen. Sie ist die allein Formende, sie ordnet das „jiddische", „hebraistische" und andere Teiljudentümer ihrer Einheit ein, sie bildet aus jüdischem Stoffe die neue jüdische Gemeinschaft, sie intensiviert wieder die jüdische Menschheit. Wien Henoch Sohar VOM MOSKAUER JUDEN I. Als ich im Frühjahr 1893 nach Moskau kam, waren die bekannten Rechtsbeschränkungen der Juden bereits durchgeführt. Hiernach war der Aufenthalt in den russischen Zentralgouvernements nur Kaufleuten erster Gilde (die jährlich 1000 Rubel Gildensteuer zahlen) und Absolventen der Hochschulen gestattet. Gleichzeitig war den höheren Lehranstalten (Gymnasien, Technischen Hochschulen und Universitäten) verboten worden, mehr als drei Prozent Juden, auf die Gesamtschülerzahl berechnet, aufzunehmen. Alles das galt auch noch, als ich im Herbst 1909 Moskau verließ, und gilt noch heute. Ob freilich die große Moskauer Synagoge mit ihrem mächtigen Säulenportal immer noch geschlossen ist wie zu meiner Zeit, weiß ich nicht. Damals erzählte man mir viel von abscheulichen Härten und Grausamkeiten, mit denen diese Bestimmungen durchgeführt wurden: nach echt russischer Manier wurden auch todkranke Juden weggeschleppt, ja Sterbende. Angesehene russische Kaufleute haben mir öfters versichert, durch das Ausschalten der jüdischen Händler und Industriellen zweiter Gilde habe der Moskauer Handel sehr gelitten. Ihrer Tüchtigkeit und Ehrlichkeit ward vielfach rühmendes Zeugnis ausgestellt. Zahlreiche, auch kleinere jüdische Geschäftsleute hatten sich indes, um nicht auf einmal alles zu verlieren, in die erste Gilde aufnehmen lassen und litten natürlich schwer