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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 807

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens
Date
1917-03-01
Page
807 (sequence 7)
Language
German
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Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens 807 Für diesen Weg scheint die jüdische Nation als eine stetig leidende und kämpfende, also aufsteigende Menschheitsschicht genügend legitimiert. Da aber der nationale Weg der Menschheit, der zum Nationalstaatlichen drängt, das Machtelement immer mehr ergreift, wird er sich des Lebensrechtes des Einzelnen in jedem Falle, des Lebensrechtes kleiner Nationen außerdem im Falle des Imperialismus bemächtigen. Die Ausschaltung der religiösen Ideengemeinschaft aus der europäischen Entwicklung des Nationalgedankens, durch sich einordnende Nationalkirchen noch erleichtert, bietet der nationalen Personengemeinschaft keine Widerstände mehr, zwingt aber die national zerklüftete Menschheit unter ein Machtelement, dessen bedingungslose Herrschaft sie durch die religiös-ethische und soziale Forderung wird einschränken müssen. Die Umgruppierung aller bisheriger Personengemeinschaften, seien sie religiösethisch, sozial-wirtschaftlich oder national-staatlich muß sich also nach der Beziehung zum Machtelement gestalten. Unter allen Problemen der menschlichen Zukunft aber wird das religiöse die nachhaltigsten Entwicklungskämpfe beanspruchen, soferne die Menschen nicht ihrem persönlichen Gottesgefühl würden leben dürfen. 5- Die konfessionelle Einschränkung der Religionsgesellschaft in der neuesten Entwicklung der europäischen Menschheit steht also im Zeichen des Machtkonfliktes zwischen dem nationalen Machtelement gegenüber der anationalen christlichen Religionsform, die seit ihrem Bestände nationale Gestaltungen sucht. Die willkürliche Übertragung dieser rein christlichnationalen Lösungen in eine Konfessionalisierung des religiösen Judentums unter Aufsaugung der jüdischen Nationalgesamtheit ist die größte Gefahr, die seit Untergang der jüdischen Staatswesen an das Judentum herantritt. Das jüdische Problem ist das einer differenzierten nationalen Gesamtheit, deren beispiellose Zerstreuung nach der Scholle Palästinas gravitiert, weil es mit derselben unlösbar verknüpft ist. Die ununterbrochene Konstanz der jüdischen Nationalgesamtheit mit ihrer Heimat ist in den bedeutendsten Juden der Zerstreuung, in ganzen Volksbewegungen, die immer wieder nationale Vervollkommnung in der Heimatsscholle suchen, zutage getreten. Der Einheitsgedanke des modernen Zionismus ist auch einziges Lebenselement der Judenheit als Gesamtheit. Das äußere Erfordernis allein müßte also aus dem neuen jüdischen Nationalgedanken alle zutiefst vorhandenen religiösen Kräfte zur Reaktion auslösen, um die bisherigen engen Beziehungen des Religiösen zum Nationalen zu erhalten, die der äußeren Konfessionalisierung und Entnationalisierung ausgesetzt sind.*) Nachhaltiger als dieser äußere Anstoß und die Gegenreaktion des Judentums sind die inneren Eigenentwicklungen des jüdischen Religiösen. Der Monotheismus der starren Form ist einer innerrevolutionären Umwandlung und stetigen Entwicklung unterworfen, die, von urjüdischen und prophetischen Ideen ihren Ausgang nehmend, stufenweise fortschreitet. Die Bildung *) Der Selbstmord aller konfessionellen, anationalen „Reform" im Judentume seit Mendelssohn erscheint also grotesk.

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