Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 806 (sequence 6)
- Language
- German
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8o6 Henoch Sohar: die personale Organisation der Nationalkirche mit der personalen Nationalgemeinschaft derzeit noch nicht identisch. Die personalterritoriale Organisation des Staates an sich ist sieghaft in der Entwicklung geblieben, mag dieser ausschließlich eine oder mehrere Nationen umfassen* Sowohl der Freiheitskampf der kleinen Nationen als der Imperialismus der großen bedarf aber der religiösen Formulierung. So steht eine völlige Umgruppierung religiöser und nationaler Zusammenhänge bevor, wobei die ureigene religiöse Produktivität des Judentums, im modernen jüdischen Nationalgedanken auftretend, wieder ihre völlige Freiheit gewinnt. 4- Die Abirrung religiöser Kraft und die Entartung religiöser Organisation im äußeren Machtelement ist in der bisherigen Menschheitsentwicklung noch nicht abgeschlossen; aber auch die inhaltliche Herrschaft religiöser Ideen über den Einzelnen, dem freien Menschentum zuwiderlaufend, ist noch nicht ausgekämpft. Freilich wird immer Formung des Religiösen eintreten müssen, die einer gewissen Machtentfaltung bedarf. Die wahrhafte Freiheit des Menschentums vor aller religiösen Idee und ihrer Neuformung ist nunmehr ethische und soziale Forderung des Nationalgedankens geworden. Dennoch ist kaum zu befürchten, daß die religiösen Kräfte der Menschheit um dessentwillen erlahmen sollten, weil die europäische Entwicklung die Ausschaltung der religiösen Organisation anstrebt. Vielmehr lassen die sozialen Bewegungen innerhalb der Menschheit erkennen, wie gesellschaftliche Umgruppierung Grund zu neuen, religiös bedingten Personengemeinschaften gibt. Die materialistische Geschichtsauffassung Karl Marx* nahm zwar an, daß die Klassenbewegung innerhalb der Menschheit und deren materielle, ökonomische Ursache geschichtsbildend wirkten, somit die Klassenbewegung immer die vorherrschende war. Im Gegensatze zu dieser Geschichtsauffassung ist aber zu betonen, daß die materiellen Grundlagen des Menschentums — Gegenständliches der Natur und technischer Arbeit, sowie deren Abstrahierung als „Kapital" — unveränderlich sind und deren Wirtschaftsordnung wohl formal, nicht aber inhaltlich geschichtsbildend wirkt. Die inhaltlichen Grundlagen menschlicher Geschichte werden lediglich durch das nationale Sein der Menschheit, das immer wieder regenerierend und in Zeiträumen kulturschaffend wirkt, bestimmt. Wohl aber können die sozialen Bewegungen von Klassenschichten für die Nation von Bedeutung werden. Die materielle Ursache des menschlichen Lebens drängt nach geordneter Wirtschaftsführung. Die Klassenbewegungen erzwingen also ganz bestimmte Wirtschaftsformen. Über allen Wirtschaftsursachen und Wirtschaftszielen aber steht in allen Zeiträumen die gesellschaftlich-nationale Bestrebung. So besitzt auch jede Nation ihre eigenen sozialen Strukturen und Tendenzen, deren Lösungen sie herbeizuführen sucht. |>! Dies ist das Problem der Lebensfrage des Einzelnen und der Nation, ethisch und sozial im Nationalen gefaßt. Seine Lösung in nationalen Menschheitsgruppen ist der Weg, den die Menschheit nunmehr betreten hat, zur ethischen Vervollkommnung im Maße des Nationalen und seiner sozialen Freiheitsbewegung.