Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 804 (sequence 4)
- Language
- German
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804 Henoch Sohar: worden. Diese Thora ist Lebensbuch eines geweihten Volkes, auf heiligem Boden, in Reinheit und Heiligkeit lebend. Das altklassische Judentum soll vollends religiöse Wirklichkeit werden in der Prophetie. Die Berufung des Propheten, sein Wirken im Volke, seine Rechtfertigung, sind schon in Urvorstellungen des Juden enthalten, als des Freien, Gottbegeisterten, der die Wahrheit spricht. Die „Erwähltheit" des Volkes wird erhabene Forderung, herausgemeißelt aus Gottes gesamtem Schöpfungswerke. Sie wird vom Propheten immer wieder verkündet. Der Einheitsgott des einen Volkes ist Gott des Alls, und doch innig seinem Volke zugetan, er behütet seinen Gesalbten und erlöst das Volk durch ihn von allem Leide. Er allein herrscht über das Volk, jegliche Herrschaft von Menschen ist ihm eingeordnet, von seinen Propheten bewacht. Das klassische Judentum findet seine vollkommenste Gestaltung im Streben Jesaias: ein vollkommenes nationales Leben zu führen, in der hohen Absicht auf ein universales Menschentum. Religiöse Innigkeit und Wahrhaftigkeit, soziale Befreiung, Sittenreinheit und Gerechtigkeit, politische Freiheit des theokratischen Staatswesens sind sein Lebensideal. Doch die ideale Forderung des alten Judentums hat ein kleines Völkchen zum Träger, das sich wohl ,,unzählbar wie der Sand am Meere und wie die Sterne am Himmel" in die Zukunft träumt, doch weit hinter anderen Völkern des Altertums an Menschenzahl zurücksteht. Seine heimatliche Scholle ist überdies die Brücke dreier Weltteile, Durchgangsland und Tummelplatz der Herrschaftskämpfe der ältesten Menschheit. Die beiden Staatswesen des jüdischen Volkes werden also im Ringen des Orients, im hellenischen und römischen Eintreten in diese Machtkämpfe zerschmettert. Das Schicksal der Zerstreuung schwebte seit jeher über dem altjüdischen Völkchen als drohende Gefahr. Die Übermacht der Außenwelt verwehrte also dem Judentum dauernde äußere Gestaltung als Staatswesen. Um so nachhaltiger sind die geistigen Formungskräfte des Judentums mit dem Verfalle des Staatswesens in Europa wirksam geworden. Die religiöse Forderung des Jeschua, am Abend des jüdischen Staatswesens gestellt, trägt zugleich das Merkmal der nationalen Krisis und der universalen Entwicklungsmöglichkeit. Die soziale Not der Ärmsten, die Erlösung ersehnt, hat ihren problematischen Erlöser gefunden, der die Tröstungen des Vaters im Himmel verkündet. Noch aber dachte das Judenchristentum, an diese Tröstung sich klammernd, nicht an nationale Entäußerung, auch nicht an nationale Expansion. Die orientalistische und hellenistische Welt benötigte jedoch den einen Gottessohn Jesus Christus, den Gesalbten vom Stamme Davids, den Erlöser seines Volkes und der Menschheit. Die Kulturfrage aller orientalischen Weltreiche, einst im Hellenismus gelöst, auf dessen Polytheismus das römische Weltreich sich kulturell ohne Schwierigkeit aufbaute, war der Zersetzung durch eine neue Idee der Einheit verfallen. Die universale Tendenz der Propheten fand in der Tat in Saulus einen anationalen Gestalter, der sich an das Heidentum, gegen das nationale Judentum, wandte. Das jüdische Volk aber muß es erleben, wie seine „Lehre" den Völkern übergeben wird; es verfällt, der äußeren, anationalen Entfaltung sich verschließend, in