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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 803

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens
Date
1917-03-01
Page
803 (sequence 3)
Language
German
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Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens 803 Die bisherige Entwicklung der religiösen und nationalen Organismen weist deutlich funktionelles Zusammenwirken auf. In typischem Beispiele war der Entwicklungsgang folgender: Schon die älteste Volkswerdung weist immer religiöse Organisation auf. Gleichzeitig mit dem Zusammenschluß von Familien und Geschlechtern zur „Volksgemeinde" geschieht auch die Vereinigung der Familienoberhäupter im Selbstpriestertum. Und da der Geburtsadel der reichen und irgendwie hervorragenden Familien durch Wahl an die Spitze des Urvolkes gelangt, sind Fürstentum und Priestertum, Königtum und Hohepriestertum in der Urzeit sicherlich identisch. Erst in der Spätzeit haben Usurpation und Vererbung der Würde die demokratische Volksrepublik verdrängt. Die Tyrannis des Königtums und die Hierarchie des Priestertums entwickeln sich zu ausschließlichen staatlichen Gewalten. Da nun das religiöse Bedürfnis des Urmenschen im wesentlichen „sakral" ist —■ womit die Gebundenheit an sinnbildliche Gegenstände der Verehrung bezeichnet werden soll — gruppiert sich die älteste Entwicklung der Menschheit um lokale Sakralheiligtümer. Wenngleich aber die „Religion" der Menschheitsgruppen Anfang aller Kulturentwicklung bedeutet, Recht und Sitte, Wissenschaft und Kunst selbst erst legitimiert und aus sich entwickelt, ist die örtliche Vereinheitlichung des Religionsgebildes national bedingt. Die nationale Expansion, mag sie vom „Stadtstaat" oder von anderen Staatswesen ausgehen, ist Grundlage der religiös-organisatorischen Ausbreitung. Die inhaltliche Entwicklung der Religion ist dann vielfach Ebenbild der nationalen Kultur. Freilich nimmt Nationalkultur durch schnell sich entwickelndes geistiges und technisches Schaffen frühzeitig außerreligiöse Selbständigkeit ihrer Gebiete in Anspruch. Das Geschichtswerden des heutigen Europa weist nun zur Zeit der Völkerwanderung noch diese primitiven Anfänge der National- und Religionskultur auf. Die sogenannten „Naturreligionen", in sakraler Starrheit befangen, geben keinerlei Anstoß zur Kulturentwicklung. Erst der belebende Kampf der Stammesorganisation Europas mit der judaistischen Religionsorganisation steht am Anfange der europäischen Entwicklung, die schließlich zur Evolution des europäischen Nationalgedankens führte. Diese Evolution ist in ihren wesentlichen Grundlagen aus der freiwirkenden jüdisch-universalen Forderung hervorgegangen. 2. Die Durchdringung des Nationalen durch das Religiöse ist bereits in der Urzeit jüdischer Volkswerdung nachweisbar. Schon die nationale Sprache ist in ihren Urausdrücken von religiöser Grundstimmung erfüllt. Der Volksname „Hebräer", der die Wanderschaft des Urvolkes bezeichnet, wird in historischer Zeit durch die Bezeichnung „Söhne des Gotteskämpfers" verdrängt. Kanaan, das Niederland der Gebirgskette Sinai-Libanon, ist den Nachkommen der Bundesväter als Heimat verheißen. Als Sohn eines göttlichen Bundes soll das Volk der „Lehre" leben, ein „erwähltes Volk" werden, ein Volk von Priestern und Propheten. Der Bund der Gottheit ist einst mit den Urvätern in verschiedenen Bundeszeichen, zuletzt mit dem gesamten Volke im Zeichen des Bundesbuches abgeschlossen 56*

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