Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 802 (sequence 2)
- Language
- German
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802 Henoch Sohar: Die jeweils lebende Menschheit vermag dieses erst zu verändern, wenn ihre Suche nach dem Ebenbilde Gottes wieder neu gereift und innerlich berechtigt ist. Früher mag das beharrende Alte in kein Neues sich umsetzen. Die Lebensweise der gesellschaftlichen Gesamtheit ist auf feste Beharrung im überkommenen religiösen Organismus gestützt. — Erst der Einzelne, der aus tiefster, innerster Berechtigung das Neue erfühlt und ausspricht, tritt in den Gotteskampf der Menschheit als neuer Streiter ein. Ihm fühlt ein enger Kreis von Menschen nach, in denen sein neues Erfühlen der Gottheit Widerhall gefunden hat. Neue Formungen, neue Symbole, neue Organisationen entstehen, die sich an den heiligen Menschen, der aussprach, was die Gottheit erstrebt, anlehnen. Alle Inbrunst der Menschheit klammert sich an ihre religiösen Führer. Das Leben des Einzelnen, das Streben einer Gesamtheit setzt sich ein für das teuerste Gut der Menschheit, für seinen immer schaffenden Beieber und seine erkannten Propheten. Der Einzelmensch gewinnt ein persönliches Gottgefühl aus dem Unbegreiflichen seines Lebens. Seine religiöse Idee sucht sich dann in die Gesamtheit umzusetzen. In der Gesamtheit aber treibt der religiöse Trieb der Menschheit, ihr höchstes Reis, immer dann neu, wenn der unbestimmt gewordene Lebensinhalt des Menschlichen sich wieder am Göttlichen, dem absolut Bestimmten messen muß. Die eine Menschheit erzeugt hierbei gleichgeartete religiöse Neubildungen, Entwicklungen und Ziele, die nur nach dem Gehalte des Nationalen differenziert sind. Ein tiefer Lebensinhalt ist es, der im Leben ungezählter Generationen der Menschheit nach Gestaltung drängt, der nie verloren geht. Er ersteht aus dem ewigen Sein zum irgendwie realen und zeitlichen Leben durch die religiösen Kräfte des Menschentums, als des im Göttlichen Geschaffenen und Schaffenden, in der Erneuerung religiöser Inhalte und ihrer erneuten Formung. Das menschliche Geschichtswerden entwickelt also jene ihrer Intensität nach dauernden religiösen Kräfte in der nationalen Gesamtheit. Ausgangspunkt der religiösen Kultur der Gesamtheit ist aber das erfühlte Erlebnis Einzelner, im Fühlen vieler Generationen nachhallend und als „das Göttliche" objektiviert. Immer jedoch wird das Religiöse persönlich gelebt, es ist Göttliches im Einzelmenschen. Anders ist das nationale Kulturschaffen der Menschheit. Es ist das schnell werdende und vergehende Außerreligiöse weniger Zeiträume, das, auf ein Grundmaß des Ewigen verzichtend, an Scholle gebunden ist und gemeinschaftlich gelebt wird. Am Höhepunkte einst gelebter Zeiträume gemessen ist Nationalkultur das in raschem Flusse sich verändernde, inhaltsreiche Leben weniger Generationen eines Volkes, religiöse Kultur aber ein langdauerndes, intensives Erlebnis des Einzelmenschen und vieler erlebender Menschen, lang nachhallend in vielen, vielen Generationen, bis wieder einmal ein Einzelner aus dem religiösen Fühlen der einst Erlebenden das unverlierbare Neue zur Formung bringt. Die Beziehung dieses „Religiösen" zum „Nationalen" ist durch die — ethisch eingeordnete — Eingeborenheit des Einzelnen in die Gemeinschaft gegeben. Die religiöse Grundstimmung Einzelner wird so zur unverlierbaren religiösen Forderung der Gesamtheit. Die soziale Gesamtheit der Nation wird nämlich das religiöse Gestalten Einzelner von immer mehr Individuen nachfühlen und bewahren lassen, die zur religiösen Organisation zusammentreten.