Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 800

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Briefe aus Palästina
Date
1917-03-01
Page
800 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875897-3101695--1114-3101747
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8oo A. D. Gordon: Briefe aus Palästina lebendig sein wird. Man kann sagen: wenn unsere alte Sprache in unserem alten Lande vollkommen lebendig sein wird, wird das bedeuten, daß unser altes Volk lebt. Die Arbeit, die Sprache, der Mensch, das Leben — das lenkt den Gedanken gleich auf die Schulen. Die Schule umfaßt auch das ganze Leben wie die Arbeit und die Sprache, nur von einer anderen Seite. Die Schule bildet die neue Generation heran und das bedeutet in Wahrheit die Schaffung eines neuen Menschen, eines neuen Lebens. Sie muß sicherlich mit allen Elementen des menschlichen Lebens eine organische Einheit bilden. Ich will hier nicht von unserer Schule überhaupt sprechen: das ist eine zu große Frage. Aber in dem Zusammenhang, in dem wir hier stehen, kann man, glaube ich, in unseren Schulen ein Streben nach dem richtigen Weg sehen. Wir sehen wenigstens, daß viele Schüler, die z, B. das Jaffaer Gymnasium absolviert haben, zur Arbeit übergehen. Überhaupt sieht man unter den älteren Schülern des größten Teiles der Schulen, und man kann fast sagen, unter dem größten Teil der Lehrer eine gewisse Annäherung an die Sphäre der Arbeit und der Arbeiter. Das ist selbstverständlich nicht durchweg so, und vielleicht in nicht genügend großem Maße, aber etwas ist es und es erweckt Hoffnung. Von hier aus ist der Gedanke nicht mehr fern, daß die Idee einer Universität in Palästina nicht so gefährlich ist, wie sie sich in der Phantasie derer darstellt, die vor ,,Geistern*' oder Geistigkeit so sehr zittern. Wenn man von der Universität zur Arbeit kommen wird — und man kann hoffen, daß ein gewisser Teil bestimmt kommen wird — wird man von der Arbeit zur Universität auf dem rechten Weg kommen, auf dem Weg, der vom Leben ausgeht und zum Leben führt. Dabei können beide gewinnen: sowohl die Arbeit als auch die Universität. Aus dieser gegenseitigen Wirkung kann in der Tat ein neuer Gedanke entstehen, sin Gedanke, der unmittelbar aus unserem Leben, unserem Schaffen, unserer Natur hervorwächst. Aber ich nehme die Sache auch von einer anderen Seite. Wenn ich hier über die Schulen und eine Universität spreche, so geht es mir nicht nur um Palästina, sondern auch um die Golusländer. Mag wer will vor dem „bourgeoisen" Gedanken erschrecken, — mir geht es sehr darum, daß unsere Jugend in den Golusländern in einem gewissen Maße die Möglichkeit haben wird, in Palästina erzogen zu werden. Das wird gewiß einen großen Einfluß auf die Juden in jenen Ländern haben, auf ihr ganzes geistiges Leben, und wird auch als lebendiger Verkehr zwischen Palästina und den übrigen Juden dienen. Mögen nur junge Kräfte nach Palästina kommen, um hier zu arbeiten und zu leben, Kinder und Erwachsene, um hier zu studieren (von ihnen wird sicher auch ein Teil hier bleiben und arbeiten), — das wird beide Seiten beleben und erleuchten: sowohl Palästina als auch die Golusländer. Da ist ebenfalls eine gegenseitige Wirkung vorhanden. Wird Palästina leben und Leben schaffen, dann wird das Leben der übrigen Länder auch größer, tiefer, reicher werden und seinerseits das Leben in Palästina vertiefen und bereichern. Das alles, d. h. unser ganzes Tun und Schaffen in Palästina hängt natürlich nicht allein von uns selbst ab. Von dieser Seite, d. h. von der politischen Seite habe ich hier nicht gesprochen. Ich bin kein Politiker und das ist nicht meine Sache. Darüber sollen die nachdenken, die dazu fähig sind. Gewiß, wir hängen schließlich doch von andern ab, ich habe aber von dem geredet, was von uns abhängt. Das ist bei mir die Hauptsache. Werden wir einen Willen haben, —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.