Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 801

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Briefe aus Palästina
Date
1917-03-01
Page
801 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875897-3101695--1115-3101748
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Henoch Sohar: Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens got so werden wir wohl leiden, werden Sorgen, Störungen haben, aber am Leben werden wir bleiben und schließlich wird etwas da sein. Unsere Arbeit kehrt sich nicht um Politik; wenn der schlimme Wind sich ein wenig legt, können wir wieder arbeiten. Noch eine der wichtigsten Fragen habe ich hier nicht berührt — die Frage unseres Verhältnisses zu den Arabern. Hier fragt man nicht so sehr nach der politischen als nach der moralischen Seite. Man weist uns hier auf einen tiefen moralischen Widerspruch hin, der in unserem ganzen Palästinaideal stecke. Davon will ich hier nicht reden, meine Briefe sind auch so schon länger geworden als ich dachte. Darüber vielleicht ein anderes Mal. Hier kann ich nur einen Wink geben, daß unser Verhältnis zu den Arabern — natürlich soweit es von uns abhängig ist — auf neue Grundlagen gestellt werden muß, auf die Grundlagen, die hier höhere nationale, allmenschlich-kosmische nationale Interessen genannt worden sind. Ich hätte hier vielleicht noch etwas, vielleicht noch viel zu sagen gehabt, etwas das viel sagt, etwas das man sagt, wenn das Herz offen ist. Aber das ist nicht nötig, das vermittelt sich ohne Worte, wenn es genug Kraft hat, Herzen zu öffnen, und begleitet in der Tiefe das, was durch Worte ausgedrückt werden muß. Ein Gedanke hat mich zum Schreiben gebracht, und dieser eine Gedanke nimmt jetzt Abschied von mir, da ich zu schreiben aufhöre, nimmt Abschied wie einer der zum erstenmal von seiner Heimat in die große Welt hinausgeht, — wer weiß? . .. Wer weiß, ob wir selbst jetzt — ich glaube, es genügt zu sagen: selbst jetzt, ohne Erklärungen — wer weiß, ob wir selbst jetzt uns schließlich umsehen, bis auf den Grund unsere Lage erkennen und ernstlich an die Heilung unserer zerrissenen Seele gehen werden, uns verständigen, uns zu einer großen nationalen Tat vereinigen werden, — wer weiß? . . . Was sagt ihr, meine Freunde, habe ich mich an die richtige Adresse gewandt? . . . Friede und Segen sei mit euch! Palästina A. D. Gordon DIE RELIGIÖSE FORDERUNG DES JÜDISCHEN NATIONALGEDANKENS I. Die zeitliche Dauer religiöser Bewegungen wird durch den Generationswechsel der Menschheit nicht durchbrochen. Die religiöse Kraft des Menschentums ist stetig, seine Kulturform des Religiösen dauernd. Der primitive Gottesbegriff der frühen Menschheit wiederholt sich jeweilig im Kindesalter des Einzelmenschen. Vereinfachte Religionsgebiete zeigen geradezu im Generationswechsel ihr Beharrungsvermögen. Da nämlich die Menschheit, aus sich schaffend, immer wieder ihre Gottheit zu erfühlen und zu erkennen sucht, ist das einmal geformte religiöse Idealbild einer älteren Menschheitsgeneration der jüngeren heilig. Heft 12. 56

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.