Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 799 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe aus Palästina 799 kein Wunder, daß man ein vielleicht noch glücklicheres Ideal gefunden hat, daß es ein Schreiber fertig gebracht hat, mit seherischem Blick zu entdecken, daß Palästina ein Land für Touristen sein und davon sehr gut leben wird, d. h. einfach, daß Palästina eine Art großes Hotel sein wird. Etwa keine schöne Erwerbsquelle für das jüdische Volk? Bei solchen Begriffen von dem, was wir in Palästina suchen — was für ein lebendiger, natürlicher Bund kann da zwischen unserem Leben und Tun und unserer Sprache sein? Welche neuen, eigenartigen Begriffe, Gedanken, welche neuen Seelenregungen, die ein besonderes Ausdrucksmittel fordern, können auf einem solchen Boden wachsen? Im Gegenteil, wenn ihr euch mit dem Leben unserer größten Kolonien bekannt macht, werdet ihr sehen, ob in ihrem ganzen Leben etwas geschaffen wird, das einen neuen, eigenen hebräischen Ausdruck erfordert. In Wirklichkeit sprechen sie Jargon (der Teil der jungen Generation, der im Land geblieben ist, spricht etwas Hebräisch), weil ihr ganzes Leben, kann man sagen, nichts anderes als eine Art Jargon ist. Das ist ein Leben, das sehr gut dadurch charakterisiert wird, daß es nicht einmal die wenigen Kolonistenkinder an sich zu fesseln vermag. Die junge Generation hat sich mit diesem Leben so vollgesogen, daß sie großenteils fortgegangen ist, um die Hauptelemente dieses Lebens, d. h. Franken, Napoleons, Dollars, Pfund, dort zu suchen, wo sie leichter zu haben sind — in Amerika, Afrika, Australien usw. Mehr spricht man hebräisch unter den Arbeitern und vielleicht noch mehr unter den Arbeiterinnen. Es ist zu beobachten, daß Mädchen, die nie in einem Glieder gelernt haben, schneller Hebräisch lernen können und im allgemeinen mehr geneigt sind, Hebräisch zu reden als die männliche Jugend. Erst hier, im Leben der Arbeiter, beginnt man von einem Bund zwischen dem Leben, das man sucht, und der hebräischen Sprache zu träumen. Hier wird etwas gesucht, und irgendwo aus der Tiefe läßt sich das Leben vernehmen. Aber vorläufig ist es noch ein ferner Traum, so fern wie das Leben, das gesucht wird. Die Arbeit, die Sprache — das ist das Volk, der Mensch. Die Arbeit kommt uns schwer an, die Sprache kommt uns schwer an, weil es schwer, schwer ist, einen neuen Menschen zu schaffen, sich selbst aufs neue zu schaffen. Das ist vielleicht das Größte, das gesucht wird, aber auch das Schwerste. Daher ist es kein Wunder, daß die Suchenden nicht immer leicht den festen Bund zwischen den drei Dingen Mensch, Arbeit, Sprache sehen und nicht erkennen, daß das ein organisches Leben ist und daß, wenn man sich nur einem oder zweien dieser Elemente auf Rechnung der übrigen hingibt, man allen, dem ganzen Leben schadet. Aber die Sprache wächst wie gesagt und die Arbeit wächst auch; folglich muß man danach streben, daß auch der Mensch wachse. Man sieht nicht wie Gras wächst, wie der Mensch wächst gewiß nicht. Und da können auch die Juden in den Golusländern vieles durch ihren moralischen Einfluß wirken, wenn sie von Palästina genügend beeinflußt sein werden. Wenn das Volk bewußt leben wird, wird sein Wille hier bewirken, daß wir tiefer und bewußter leben, daß unser Leben hier immer mehr an Ganzheit gewinnt von seinen Wurzeln tief in der Natur bis zu seinem Ausdruck in unserer Sprache. Aber auch umgekehrt. Ob die Juden in den Golusländern Hebräisch reden werden oder nicht (darüber können nur die Juden in ihren Wohnorten selbst entscheiden), — die Wirkung, die das lebendige Hebräisch auf das ganze Volk, seine ganze Seele haben wird, wird sicherlich so groß sein, als die Sprache in Palästina