Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 798 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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798 A. D. Gordon: Zeit zu verstehen, daß man Leben vor allem mit den Händen schafft, mit der Intuition, die den ganzen Menschen ausfüllt, die den ganzen Körper und die ganze Seele bewegt und die leben, menschlich leben heißt. Habt ihr keine Intuition in den Händen, wenn ihr daran geht, Leben zu schaffen, so habt ihr sie nirgends. Das ganze Unglück ist aber, daß unser Parasitentum so tief wurzelt und uns so umfassend und durch und durch beherrscht, daß wir es gar nicht fühlen. Wir sind Parasiten auf fremden Händen, auf fremdem Gehirn, auf fremder Seele, auf fremdem Leben. Selbst zu arbeiten, selbst zu denken, fühlen, schaffen, selbst zu leben — das müssen wir erst lernen. Palästina ist zwar unser Lehrer, aber wir sind sehr schlechte Schüler. Etwas davon lernen wir aber doch. Ebenso steht es mit unserer Sprache. Schwer fällt es uns, arbeiten zu lernen, — reden zu lernen fällt uns auch nicht leicht. Und trotzdem lernen wir etwas. Das zeigt uns wieder, was Leben, wenn auch nur ein Tropfen Leben heißt. Wie ihr seht, meine Freunde, bin ich weit davon entfernt, euch die Dinge schönzufärben. Ich will euch nicht erzählen, daß in Palästina unsere Sprache lebe, daß man hier ausschließlich hebräisch spreche. Man redet verhältnismäßig wenig hebräisch, und die Sprache ist noch nicht eigentlich lebendig und richtig. Und doch — die Sprache wächst, das ist eine Tatsache. Nicht nur Schulen werden hebräisch geführt, nicht nur Versammlungen, Aufführungen, Referate Hebräisch abgehalten, — auch im alltäglichen Leben breitet sich hebräisch immer mehr aus, man spricht immer mehr und immer besser. Und wenn ihr hört, wie ein Kind — und solche gibt es hier sehr viele, immer mehr — mit der Mutter hebräisch spricht und nur hebräisch, weil es keine andere Sprache kann, oder wenn ihr seht, wie Kinder in hebräischer Sprache spielen, sich necken, streiten, — das schmeckt schon, sagt was ihr wollt, nach Leben. Das ist kein Gespräch von Mitgliedern eines hebräischen Sprachvereins mehr. Und zudem hatten wir doch auch sozusagen einen Kampf mit dem „Hilfsverein" wegen Hebräisch. Das ist zwar auch etwas sehr Kleines gegenüber einem wirklichen Kampf, den ein lebendiges Volk — z. B. die Tschechen oder Polen — für seine Sprache führ4:. Aber die Hauptsache ist, daß Leben da war. Ein Zeichen dafür ist, daß es unseren Freunden in den Golusländern so nahe gegangen ist. Und nicht umsonst. Offenbart sich der Mensch, wie man sagt, im Stil, so sicherlich die Nation in der Sprache. Unser Hebräisch in Palästina ist ein klarer Spiegel unseres Lebens in Palästina. Und in diesem Spiegel sehen wir am klarsten, wie groß die Schwierigkeiten in unserem Tun und Schaffen sind, die aus uns selbt, aus unserem inneren, geistigen Golus kommen. Es wurde oben gesagt, daß hier die Arbeit sich organisch mit der Sprache zu verbinden beginnt. Aber der Anfang ist schwer und so klein, daß er sich eher erraten als spüren läßt. Es ist genug, zu sagen, daß man fast nicht merkt, daß hier eine Art Bund sein muß. Und woher soll dort ein solches Gefühl entstehen, wo man so wenig, ja man übertreibt nicht, wenn man sagt: gar nicht die Notwendigkeit eigener Arbeit fühlt? Nicht nur über eine einfache, palästinensische Siedlung, sondern auch über ein geistiges Zentrum läßt sich so gut denken, reden, schreiben ohne jede jüdische Arbeit oder mit so viel, als nötig ist, um dem werktäglichen Unternehmen einen feiertäglichen Hauch zu geben. Die Hauptsache ist, daß Juden einen anständigen Unterhalt und ein ruhiges Leben haben, damit sie sich mit Thora, Wissenschaft und guten Taten beschäftigen können. Es ist