Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 797 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe aus Palästina 797 in Palästina überhaupt national sein. Das ist der Hauptgedanke des Nationalfonds. Aber nicht weniger wesentlich ist die Arbeit. Nationale Erde und nationale Arbeit, das sind zwei Seiten einer Münze. Was das jüdische Volk in Palästina vor allem sucht oder suchen muß, ist ein Leben durch eigene Hände und kein parasitäres. Parasitentum heißt wieder Golus. Das jüdische Volk muß durchaus jüdische Arbeit fordern. Diese Forderung, das Wirken für sie ist eines der Dinge, die die Juden der Golusländer für Palästina tun können, die sie zu Teilhabern an unserm Leben und Schaffen machen. Das kann für beide Teile eine gute Folge haben: es werden mehr jüdische Hände arbeiten, und die Arbeitenden werden sich moralisch gestärkt fühlen. Das Bewußtsein, daß das jüdische Volk zu der Erkenntnis gekommen ist, daß unser Leben durch unsere eigenen Hände geschaffen werden muß, ist eine große und schöne moralische Stütze für die Arbeit in Palästina. Das Größte aber, das die Juden der Golusländer geben können und müssen, sind junge Kräfte, die hierherkommen sollen, um hier zu arbeiten und ihr Leben zu gestalten. Je größer die Kräfte, je reicher die Seelen, desto besser. Wir brauchen hier nicht nur Hände; mit den Händen, die kräftig arbeiten, muß zugleich eine Seele sein, die stark, reich, groß lebt, ein Gedanke, der das hell beleuchtet, was hier gearbeitet, gelebt und gelitten wird. Wir legen jetzt den Grundstein eines neuen Lebens, und dieser Grundstein muß aus großen, mächtigen Quadern bestehen. Kräfte, große, reiche Kräfte fordert Palästina vom jüdischen Volke, geistiges Kapital; mit materiellem Kapital kann man hier gar nichts machen, wenigstens gar nichts Schöpferisches. Abgesehen vom Nationalfond und dergleichen Institutionen, die der nationalen Erde dienen, kann man fast sagen, daß Palästina an das jüdische Volk unseres Vaters Abraham Bitte hat: ,,Gib mir die Seelen, das Geld magst du behalten!" Überhaupt sollten wir, wenn wir an eine Arbeit in Palästina herantreten, mehr ans Schaffen denken denn ans Machen, mehr an ein neues, ersehntes, großes Leben denn an das Wenden des abgenützten, abgetragenen Lebens. Palästina ist mehr als ein altes Feiertagskleid, mehr als ein guter Broterwerb, mehr als ein technisches Unternehmen. Man muß da einen großen Maßstab anwenden, einen allmenschlich kosmischen Maßstab, der in unseren alten Träumen von Erez Israel enthalten ist. Darin ist auch unser Recht auf Erez Israel und unsre Kraft für Erez Israel enthalten. Wir haben keine andere Kraft, aber diese Kraft ist groß genug, wenn wir sie recht verstehen und erleben. Mit einem kleinen Maßstab können wir hier nichts zustande bringen, nicht einmal einen guten Broterwerb — fürs Volk natürlich. Das kann man leicht und klar an dem erkennen, was man hier mit großen Kapitalien und kleinen Maßstäben gemacht hat. Zerstörung und nicht Aufbau, Golus und nicht Erneuerung. Was von der früheren Aufbauarbeit wirklichen Wert hat, ist von Menschen geschaffen worden wie die Bilu, die noch den großen Maßstab hatten. Ich will darüber nicht viel reden, — das gehört ja auch zu den Dingen, die sich nicht beweisen lassen. Aber wer sein eigenes Leben mit einem großen Maßstab mißt, der wird es ohne Beweise einsehen. Man soll aber nicht glauben, daß ich da von Luftschlössern spreche, — ich spreche hier vor allem andern ganz einfach von der Arbeit der eigenen Hände. Das ist die Grundlage, auf der unser Tun und Schaffen Realität und Wert erhalten kann. Schaffen, bildet man sich ein, könne man nur mit dem Gehirn, mit einer Art luftiger ,,Intuition". Unsere Wohltäter „schaffen" auch — mit fremden Händen. Es ist bald