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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 795

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Briefe aus Palästina
Date
1917-03-01
Page
795 (sequence 2)
Language
German
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Briefe aus Palästina 795 und bis in die tiefsten Fundamente. Und da sieht er bald, daß in Wahrheit seine eigene Seele zerrissen ist und wir deshalb untereinander so zerrissen sind, da wird ihm klar, daß unser nationaler Riß seinen Anfang in der Seele eines jeden von uns hat. Jeder von uns soll den Riß seiner Seele heilen, in seiner Seele Frieden stiften, dann werden wir auch zu einem Frieden unter uns kommen. Jeder von uns soll dorthin gehen, wohin ihn seine eigene ganze und freie Seele, sein eigenes, reines, natürliches, selbständiges Ich führt, dann werden wir schließlich, auf verschiedenen Wegen, zu unserer echten nationalen Seele, zu unserem reinen nationalen Ich kommen. Von allen Punkten einer Kugeloberfläche treffen sich die Linien, die in die Tiefe führen, im Mittelpunkt. „Die Hauptsache ist das Pünktchen", pflegten frühere Juden zu sagen, und das ist gar nicht so töricht, wie man heute meinen zu müssen glaubt, und wenn man ein wenig gründlicher nachdenkt, gewinnt es einen ganz tiefen Sinn. Das alles und viel mehr spricht jetzt zu uns das Leben, spricht mit der Stimme unseres vergossenen Blutes. Wir müssen ohne Dolmetscher hören, was es spricht, ohne Brille es von Angesicht zu Angesicht schauen. Dann wird uns klar, daß alles, was uns fehlt, sich in dem einen Wort ausdrücken läßt: Leben. Von welcher Seite wir auch an unsere Frage herantreten, sei es von der politischen, sei es von der ökonomischen, sei es von der geistigen, — die Frage geht um das Leben, um die Umschaffung dessen, was bei uns bis jetzt Leben heißen mußte. Wir wollen keine Parasiten auf fremdem Organismus sein, mit all den Phrasen und all den Genüssen von Parasiten, wir suchen unser eigenes Leben. Wir müssen wenigstens ein Fleckchen auf der Erde haben, wo wir selbst neues Leben schaffen, das wie ein belebendes Elixir auf unseren ganzen zerstreuten nationalen Volkskörper wirkt und ihm überall Kraft gibt, sein Leben nach dem Bilde und Maße seiner lebendigen Seele umzuschaffen — bis die glückselige Zeit der vollen Erlösung kommt. Und da haben wir den anderen Punkt, in gewisser Hinsicht den Mittelpunkt, auf den wir uns praktisch einigen können. Es gibt keine Kraft auf der Welt, die Menschen so verbindet wie gemeinsames Schaffen, weil es keine Kraft gibt, die den Menschen so belebt, die den Menschen so umwandelt, wie das Schaffen. Schafft der Mensch Leben, so schafft er Leben für sich selbst, schafft sein eigenes Ich um; schafft er sich selbst um, so schafft er Leben. Nicht durch Debatten und nicht durch Unterhandlungen können wir zu einer Verständigung, zu einer gemeinsamen nationalen Arbeit kommen, sondern gerade durch die Arbeit selbst, durch das Schaffen von Leben. Mögen die Juden in jedem Lande ihre lokale Arbeit tun, wir, alle Juden insgesamt, haben eine große nationale Arbeit: einen eigenen Winkel eigenen nationalen Lebens zu scharfen. Und das können wir in der Tat bald tun, sobald nur der Krieg aufhören wird. Ein Stückchen Anfang haben wir doch schon in Palästina. (Jetzt ist er niedergehalten, vom bösen Sturm mitgenommen, aber der böse Sturm wird sich legen und der junge Samen wird mit der Zeit wieder aufleben, denn er lebt.) Also — Palästina? Wird ein Jude eine solche Frage stellen, so überlasse ich sie seinem eigenen Urteil, überlasse sie ihm ganz ruhig, ohne die geringste Furcht, nur mit der einen Bedingung, daß auch er keine Furcht habe, deutlich und standhaft die Antwort anzuhören, die ihm auf diese Frage in der Tiefe seiner Seele gegeben wird. Vor einer jüdischen Seele hat Palästina keine Angst.

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