Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 794 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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794 A. D. Gordon: BRIEFE AUS PALÄSTINA Vierter Brief Meine Freunde! Ich kehre jetzt zu unserem Gegenstand zurück, zu unserer eigenen Nation. Wer einer lebendigen Nation angehört, kann sich den Luxus oder die Laune erlauben, ein Kosmopolit, ein Antinationalist, ein Nationalist auf Bedingung, ein Nationalist aus Gnade oder Verpflichtung und dergleichen zu sein. Ihm wird das gar keinen Schaden bringen. Im Grunde bleibt er unbewußt, wenn nicht bewußt, seinem Volke mit Leib und Seele ergeben. (Wir haben es zu Anfang des jetzigen Krieges an den größten Antinationalisten zur Genüge beobachten können.) Er hat in seinem alltäglichen Leben genügend nationale Luft, die ihn nicht national sterben läßt, die ihn mit dem Leben, mit der Seele seines Volkes in lebendiger Verbindung hält: das Land, die Sprache, die Sitten — alle Beziehungen zum Leben. Sein Anteil an der nationalen Arbeit seines Volkes, seine Hingabe an diese Arbeit wird dadurch nicht viel geringer werden, denn er arbeitet das, was er auch immer für die Menschheit arbeiten mag, in Wahrheit für sein Volk und in den Grenzen seines Volkes. Aber wir? Was läßt uns nicht national sterben? Wo ist unsere nationale Luft? Für wen arbeiten wir, wenn wir für die Menschheit arbeiten? Was verbindet uns untereinander? Was erhält uns heute auf der Welt als eine besondere Nation? Ein für allemal: wir müssen wissen, wo wir in der Welt sind, wir müssen wenigstens den Mut haben, uns selbst die reine Wahrheit zu sagen: wenn nicht Nationalismus bis ins letzte, d. h. wenn nicht das nationale Ideal das höchste ist, vor dem alle übrigen Ideale, parteiliche und unparteiliche, zurücktreten, dem wir mit Leib und Leben restlos ergeben sein müssen — dann Assimilation bis ins letzte, bis zur Vermischung mit den Völkern, unter die wir zerstreut sind. Wir dürfen keinen Augenblick vergessen, daß, wenn wir nicht beizeiten darauf achten, die Assimilation bei dem gegenwärtigen Niedergang der Religion überhaupt von selbst kommen wird, besonders wenn in den Golusländern die Lage der Juden wirklich etwas besser werden wird. Wir müssen uns darüber klare Rechenschaft abgeben, daß wir nicht geistig so in die Welt hinein leben dürfen wie andere, ebenso wie wir es materiell nicht dürfen. Wir haben heute keine geistigen, wie auch keine materiellen ererbten Güter oder so gesicherte Berufe, daß sie es uns ermöglichen könnten, geistig wie materiell sorglos zu leben. Wir können uns nicht von verschiedenen Strömungen und Wellen tragen lassen wie andere, weil die Strömungen und Wellen nicht die unseren sind, weil sie nicht von unserem Leben kommen und uns, wie sie es schon mit vielen von uns getan haben, dorthin verschleppen können, von wannen man nicht zurückkommt. Wir müssen selbständig-bewußt leben. Die Hauptsache ist: jeder von uns muß aus der Tiefe seines eigenen „Ich" erkennen, daß er, wenn er für das Leben unserer nationalen Seele sorgt, zuinnerst für die Ganzheit seiner eigenen Seele sorgt, für das Leben und Schaffen seines eigenen Ich. Mehr brauchen wir nicht. Jeder Jude soll für sich, für seine eigene geistige Form, seine eigene Seele sorgen, dann werden wir schon irgendwie einen Weg finden. Für sich sorgt man anders, ruhiger, sicherer, tiefer, klarer. Da ist kein Ort für Meinungsverschiedenheiten. Da sieht jeder bei sich das ganze Gebäude von allen Seiten