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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 790

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Zur polnischen Judenfrage
Date
1917-03-01
Page
790 (sequence 6)
Language
German
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790 Amitai: der beiden äußeren Faktoren, der Polen und der Deutschen, eine ganz andere werden. Das Gefühl der Verachtung, das die Beziehung des Polen zum Juden heute beherrscht, wird allmählich schwinden müssen und einem Gefühl der Anerkennung, der Achtung — mag sie auch mit Haß gepaart sein — Platz machen; und die deutsche Verwaltung wird im selben Moment mit den Juden rechnen, da sie ihre politische Macht wahrnehmen wird. Wird hingegen diese Aktivierung nicht eintreten, so werden alle Artikel, Reden, Memoranden und Verhandlungen keinerlei bleibende Wirkung erzielen können. Auch hier gilt es eben, die „Politik" in jenem tieferen und größeren Sinne zu verstehen, als es gewöhnlich geschieht, Und zu begreifen, daß sie im letzten Grunde doch nur die konkreteste Äußerung der inneren Kraft und Energie eines Volkes darstellt, und daß daher alle Politik, die nicht auf der inneren Stärke des Volkes basiert, ohne dauernden Erfolg bleiben muß. Darum also geht es jetzt: um die Aktivierung und Organisierung des polnischen Judentums und nicht um die Formulierung irgendwelcher Programme und Einzelforderungen. Man hat bisher allzuviel sich mit diesem zweiten, weitaus weniger wichtigen Punkt abgegeben und darob die erste Grundaufgabe außer acht gelassen. Alle diese Programmforderungen, um die man streitet und debattiert, sind für die Grundfrage von keinerlei entscheidender Bedeutung und haben überhaupt erst Sinn auf der Basis einer starken, zielbewußten Organisation, die alle positiv gerichteten Elemente innerhalb des polnischen Judentums umfaßt. Die Formulierung all dieser programmatischen Forderungen, mit denen man bis heute die politische Arbeit in der polnisch-jüdischen Frage zu beginnen pflegt, kann daher ruhig bis zu dem Zeitpunkte aufgeschoben werden, da eine solche Organisation und Repräsentanz der polnischen Judenheit existieren wird. Für heute gibt es nur eine einzige unter all diesen Einzelforderungen, die jetzt bereits in aller Schärfe erhoben werden muß: die Forderung nach der eigenen Schule. Sie ist die entscheidende Forderung, nicht nur im Kampfe des polnischen Judentums um die Erhaltung seiner Eigenart, sondern überall dort, wo eine nationale Minorität um ihre Existenz ringt. Denn in der Schule ist die Möglichkeit der Erziehung der Jugend und damit der Sicherung der nationalen Existenz gegeben. Ist die national-jüdische Schule in Polen gesichert, so ist das Wesentlichste schon erreicht, und man kann daher heute schon voraussehen, daß dies der Punkt sein wird, um den der eigentliche Kampf des polnischen Judentums sich bewegen wird. Und da in diesem Punkte, in der Forderung nach dem Recht der Juden auf die Gestaltung und Verwaltung ihrer Schulen, sich alle positiv gerichteten Parteien einig sind, so liegt keinerlei sachlich programmatische Schwierigkeit vor, die eine Einigung aller Parteien und Richtungen verhindern sollte. Ist sie bis heute dennoch nicht erfolgt, so ist dies das deutlichste Anzeichen der mangelnden politischen Reife und nichts ist daher dringender, als diese Einigung zunächst herbeizuführen. Dies aber kann nur der Anfang sein, folgen muß dann die Aktivierung und Organisierung der breiten jüdischen Massen, die bis jetzt außerhalb jeder Organisation stehen und noch nicht die Notwendigkeit aktiver politischer Betätigung erfaßt haben. Erst wenn man diese jüdischen Massen zu einem politisch bewußten und aktiven Faktor zusammengeschmiedet haben wird, wird die reale Machtgrundlage gegeben sein, auf der man jüdische Politik in Polen wird treiben

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