Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 791

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Zur polnischen Judenfrage
Date
1917-03-01
Page
791 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875897-3101693--1103-3101738
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zur polnischen Judenfrage 791 können. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß man auf alle eigentlich politische Arbeit zunächst verzichten solle; dies wäre schon — von allem anderen abgesehen — deshalb unmöglich, weil das Leben selbst, weil die Ereignisse des Tages die Juden zu einer politischen Stellungnahme und Betätigung zwingen; sie können nicht bei den Stadtratswahlen in den einzelnen Städten und bei den mannigfachen anderen politischen Vorgängen, die der Prozeß der Umgestaltung des neuen polnischen Staatswesens mit sich bringt, untätig zur Seite stehen. Und zweifellos hat auch solche politische Arbeit, wenn sie richtig und konsequent geleistet wird, ihren Wert, wie sich dies jüngst erst an dem Erfolg der nationaljüdischen Parteien bei den Wahlen in Lodz gezeigt hat. Nur soll man dabei nie vergessen, daß all diese Politik ohne feste, solide Grundlage ist und keine wirklich erheblichen [und dauernden Erfolge wird erzielen können, solange nicht die innere Aktivierung und Organisierung der polnischen Judenheit vollzogen sein wird. Hat man dies verstanden, dann wird man der künftigen Entwicklung der polnisch-jüdischen Frage gegenüber erst den richtigen Standpunkt gefunden haben, dann wird man wissen, daß große Erfolge für die nächste Zukunft nicht zu erwarten sind. Das polnische Judentum kann noch nicht die Macht in die Wagschale werfen, die ihm allein eine gebührende Berücksichtigung seiner Rechte sichern würde; und es wird noch einen langen Prozeß der inneren Aktivierung und politischen Reifwerdung durchmachen müssen, ehe es so weit sein wird, wirkliche Politik treiben und wirkliche politische Erfolge erzielen zu können. Bis dahin ist die Hauptaufgabe in der polnisch-jüdischen Frage die der inneren Arbeit: Zusammenschluß der bestehenden Parteien, Organisierung der Massen und Überleitung der vorhandenen starken Kräfte passiver Geistigkeit und inerter Beharrlichkeit in aktive Energie. Es ist im Grunde hier dasselbe Problem wie innerhalb der Judenheit aller anderen Länder; die polnische Judenfrage unterscheidet sich prinzipiell in nichts von der allgemeinen Judenfrage. Überall gilt es erst für uns, ein Volk zu werden, ehe wir die Ansprüche, die ein Volk erheben kann, mit der nötigen Machtbetonung stellen und durchsetzen können. Betrachtet man von diesem Gesichtspunkt die polnisch-jüdische Frage, so wird man nicht mit übermäßigem Optimismus der Zukunft entgegensehen können, dafür aber frei von allen schädlichen Illusionen bleiben und keine gefährlichen Enttäuschungen erleiden; und wird anstelle übertriebener Hoffnung und großsprecherischer politischer Allüren jene innere Geduld und Zähigkeit erwerben, die für das gesamte Judenproblem wie für die polnische Judenfrage die einzige psychologische Einstellung ist, die zu Leistungen und Erfolgen führen kann. Amitai

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.