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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 789

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Zur polnischen Judenfrage
Date
1917-03-01
Page
789 (sequence 5)
Language
German
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Zur polnischen Judenfrage 789 Frage; jede Illusion in bezug auf die eigene Kraft wäre weitaus verderblicher als eine solche in bezug auf die Haltung der anderen. Wie immer man das polnische Judentum auch in seinen inneren, geistigen und sittlichen Qualitäten bewerten mag, in politischer Hinsicht steht es erst am Anfang seiner Entwicklung. Und es ist dies auch nur natürlich. Politischer Sinn und politische Reife sind die stärksten, konkretesten Ausdrucksformen nationaler Aktivität und nationaler Tatgestaltung. Und das jüdische Volk lebt seit 2000 Jahren fern von aller Aktivität und Tatgestaltung. So erhaben das Golusjudentum ist in seinem passiven Heroismus, in seiner unerhörten Märtyrerkraft, so unfähig war es doch zu nationaler Aktivität. Und der tiefste Sinn der jüdischen Renaissance in unseren Tagen, des modernen National judentums ist ja gerade dies Streben nach der Wiedererlangung der nationalen Aktivität. Und so ist das beherrschende Ziel aller jüdischen Politik unserer Tage letzten Endes dies, das jüdische Volk zu jüdischer Politik wieder zu befähigen. Wie das nationale Judentum in erster Reihe danach strebt, ein wahrhaft nationales Judentum erst zu schaffen, wie wir noch eigentlich kein Volk sind, sondern es erst werden wollen, so ist der Sinn aller jüdischen Politik der, jüdische Politik wieder zu ermöglichen. Und nirgends vielleicht gilt dies stärker als in Polen; denn nirgends ist das Judentum ärmer an jenen Elementen, die in jedem Volke die nationale Politik gestalten und leiten, als in Polen. Man ist sich darüber in Westeuropa noch nicht genügend klar und weiß meist nicht, daß vielleicht in keinem Lande die jüdische Assimilation so krass und erschreckend einem entgegentritt wie in Polen; der überwiegende Teil der Intelligenz, der größte Teil der sozial höheren Schichten ist assimiliert, und assimiliert in einem Grade, den man in Deutschland kaum mehr kennt. Und dieser assimilierten Oberschicht gegenüber, die fast alle jene Elemente umfaßt die zur Führerschaft des polnischen Judentums berufen wären, steht die große Masse in ihrer starken jüdischen Eigenart, in ihrem Willen, diese Eigenart zu bewahren, ohne aber den Willen in aktive Energie und entschlossenes, zielbewußtes Handeln umsetzen zu können. Nichts zeugt stärker von dieser mangelnden Fähigkeit zu politischer Aktivität, als die innere Uneinigkeit und Zerrissenheit, die innerhalb des polnischen Judentums herrscht, als beispielsweise der Streit, der bis heute die „Volksgruppe" und die Zionisten in Warschau sich erbittert bekämpfen läßt, trotzdem sachlich und programmatisch in bezug auf die gegenwärtige politische Arbeit kaum ein Unterschied zwischen ihnen mehr besteht. Gerade solche Uneinigkeit, die in Sentiments, zänkischen Reibereien und künstlich herbeigezerrten theoretischen Differenzen ihren Grund hat und darüber die Notwendigkeit gemeinsamen positiven Handelns in all den wichtigen praktischen Fragen, in denen man gemeinsamer Überzeugung ist, vergißt, ist das sicherste Anzeichen mangelnder politischer Reife, oder, was gleichbedeutend damit ist, mangelnder nationaler Aktivität. Diese Aktivität zu erlangen, die Aktivierung der polnischen Judenheit, die Überleitung der starken jüdischen Kräfte, die in internem, passivem Zustande reichlich vorhanden sind, in aktive Energieentfaltung vorzunehmen, das ist die zentrale Aufgabe in der polnischjüdischen Frage. Sie ist die Voraussetzung für alles andere, für alle spezifisch politische Arbeit. Wird das polnische Judentum diese Aktivität erlangen und damit auf Grund seiner numerischen Stärke, seiner Konzentrierung in den Städten, seiner starken Stellung im Wirtschaftsleben und seiner reichen intellektuellen Begabung ein politischer Machtfaktor werden, dann wird auch die Stellungnahme

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