Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Zur polnischen Judenfrage
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 788 (sequence 4)
- Language
- German
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788 Amitai: werden. Daß diese Politik lediglich dem Wunsche entspringt, keinen Widerstand der Polen hervorzurufen, nicht aber speziell antisemitischen Gesinnungen, dies zeigt sich am klarsten in der Tatsache, daß die Deutschen in Polen — 600000 an Zahl — ganz ebenso behandelt werden und bei der Einberufung des Staatsrats gleichfalls übergangen wurden. Stellt man sich auf den grundsätzlichen Standpunkt, auf dem die deutsche Polenpolitik gegenwärtig steht, so ist diese ihre Haltung den Minoritäten im Lande gegenüber durchaus begreiflich; denn die Anerkennung der nationalen Minoritätsrechte könnte nur gegen den schärfsten Widerstand der Polen gewaltsam oktroyiert werden. Wie diese Polenpolitik selbst zu beurteilen ist, das ist allerdings eine andere Frage, deren Erörterung jedoch nicht hierher gehört; für die jüdische Politik maßgebend ist allein die Tatsache, daß die deutsche Politik in Polen diesen Standpunkt einnimmt, und man mit ihm vorderhand rechnen muß. So zeigt die Prüfung beider machtpolitischen Faktoren, die für die Gestaltung der Verhältnisse in Polen heute bestimmend sind, daß die Juden auf keinen der beiden besondere' Hoffnungen setzen können. Die Polen vertreten einen rücksichtslosen Antisemitismus; und die deutsche Verwaltung gewährt den Juden zwar bürgerliche Gleichberechtigung, und nimmt auch, soweit als möglich, Rücksicht auf ihre Forderungen, muß aber im Hinblick auf den polnischen Standpunkt in der Grundfrage der Erfüllung ihrer nationalen Minoritätsansprüche sich ablehnend verhalten. So bleibt als einziger Faktor, auf den sich die polnische Judenheit stützen kann — sie selbst. Jede Politik in der polnisch-jüdischen Frage, die auf die Gnade der Polen, auf das Wohlwollen der Deutschen und ähnliche Momente vertraut, muß und wird scheitern. Wer noch in dieser Hinsicht Illusionen haben mochte, dem muß die Haltung der polnischen Majorität im Warschauer Stadtrat sie endgültig genommen haben. Die Politik der jüdischen Parteien bei den Warschauer Stadtratswahlen war ja bekanntlich von dem Wunsch nach einer Verständigung mit den Polen getragen; wie stark dieser Wunsch war, haben sie dadurch bekundet, daß sie statt der 35 Mandate, die sie hätten erlangen können, sich mit nur 18 begnügten, und trotzdem schlug noch in derselben ersten Session die polnische Majorität des Stadtrats eine judenfeindliche Politik ein, wie sie krasser nicht gedacht werden kann; und auch die Führer der auf eine Verständigung mit den Polen hinzielenden Richtung innerhalb des Warschauer Zionismus mußten in der letzten Jahresversammlung zugeben, daß sie sich in ihren Erwartungen vollkommen getäuscht hätten und ihre Politik nicht mehr fortsetzen könnten. Und so besteht heute in allen Kreisen der nationalen Judenheit Polens die einmütige Überzeugung, daß für sie nur eine Politik möglich ist: diejenige, die einzig und allein auf die eigene Kraft vertraut. Mit dieser Erkenntnis ergibt sich ein ganz anderer Aspekt der polnischjüdischen Frage, als er bisher herrschend war. Die entscheidende Frage ist nunmehr nicht diejenige nach der Haltung der Polen und der Deutschen, sondern die nach der Haltung der Juden, und die entscheidende Aufgabe besteht darin, die polnische Judenheit zu einem politischen Machtfaktor zu gestalten. Hier ruht der Kern der ganzen Frage. Die polnische Judenheit muß ein politischer Machtfaktor werden; denn bis heute ist sie es nicht. Darüber sich völlig klar zu sein ist Voraussetzung für alle solide und ernsthafte Politik in der polnisch-jüdischen