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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 787

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Zur polnischen Judenfrage
Date
1917-03-01
Page
787 (sequence 3)
Language
German
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Zur polnischen Judenfrage 78.7 eine scharfe wirtschaftliche Kampfstellung zu ihnen gelangen. In Polen wiederholt sich dies; allerdings in viel schärferer Form als überall sonst. Gerade diese wirtschaftliche Seite des Kampfes gegen die Juden bildete ja in den letzten Jahren seinen eigentlichen Inhalt, und die ökonomische ,, Po Ionisierung Polens", wie das Schlagwort lautete, war die Parole, mit der die Nationaldemokratie ihren maßlosen Kampf gegen die Juden einleitete und führte, der dann im Boykott seinen Höhepunkt erreichte. Auch diese treibende äußere Ursache des polnischen Antisemitismus deutet auf seine Fortdauer für die nächste Zukunft, hin. Denn dieser Prozeß der Schaffung eines polnischen Mittelstandes wird naturgemäß seinen Fortgang nehmen, in einem selbständigen Polen in noch viel stärkerem Maße als bisher; und das Streben nach der Verdrängung der Juden aus ihrer dominierenden Stellung im Handel wird bleiben und wird von den Polen mit um so größerem Erfolg realiert werden können, als im allgemeinen der Krieg eine außerordentliche Schwächung der wirtschaftlichen Position der Juden und — besonders auf dem Lande — eine ebensolche wirtschaftliche Stärkung der Polen bewirkt hat. So ist es für jeden, der den polnischen Antisemitismus in seinen tieferen Ursachen erfaßt, klar, daß er eine Erscheinung ist, die nicht in momentaner politischer Taktik oder in zufälligen aktuellen Geschehnissen ihren Grund hat, sondern in inneren Motiven und wirtschaftlichen Ursachen, die nicht sobald schwinden können, so daß man — für die nächste Zukunft jedenfalls — mit ihm als einer bleibenden Tatsache rechnen muß. Diese Erkenntnis ist grundlegend und entscheidend für die Beurteilung der gesamten Lage in der polnisch-jüdischen Frage. Zunächst ist sie bestimmend für das Verhalten der Deutschen. Die deutsche Politik in der polnischen Frage ist in ihrer Richtung durch das Manifest vom 5. November festgelegt. Sie hat zum Ziel, die Freundschaft und Sympathie der Polen zu gewinnen, um sich in ihnen einen Bundesgenossen gegen Rußland zu sichern. Sie will daher nach Möglichkeit alles vermeiden, was den Unwillen oder die Gegnerschaft der Polen hervorrufen könnte, und es ist damit schon gesagt, daß sie auch in der Judenfrage auf die Polen möglichste Rücksicht nehmen muß. Dies bedeutet natürlich nicht die Vörenthaltung der bürgerlichen Gleichberechtigung, für die ja die Polen selbst nach außen hin immer eintreten. Wohl aber bedeutet dies, daß die deutsche Verwaltung faktische Äußerungen des polnischen Antisemitismus wie die Errichtung des Ghettos in den Markthallen, das Verbot des Eintritts in die Lazienki usw. nicht verhindert, und — wichtiger als dies — in ihrer Politik die Juden fast ganz übergeht und die Polen als den alleinigen Faktor, mit dem zu verhandeln ist, ansieht. Den prinzipiellen Ausdruck fand dieser Standpunkt der deutschen Regierung in der ,,Verordnung, die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft in Polen betreffend", die die Juden als Religionsgesellschaft definiert und von diesem Standpunkt allerdings recht glücklich und konsequent aufgebaut ist. Arp schärfsten zeigte sich diese Haltung der deutschen Politik in der vor wenigen Wochen erfolgten Einberufung des polnischen Staatsrats. Sowohl bei den vorherigen Verhandlungen wie auch bei der Wahl der Mitglieder wurden die Juden völlig übergangen, denn der einzige ,,Jude", der dem Staatsrat angehört, Kazimie^z Natanson, ein Mann, dessen Kinder alle getauft sind und der der schärfste-n Assimilation angehört, kann natürlich nicht als Vertreter der Juden angesehen

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