Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Zur polnischen Judenfrage
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 786 (sequence 2)
- Language
- German
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786 Amitai: diese aber sich lieber ausschweigen. Dies äußert sich beispielsweise im Warschauer Stadtrat so, daß in den Sitzungen, in denen eine jüdische Frage auf der Tagesordnung steht, die Linke gewöhnlich fehlt, und auf diese Weise einerseits die Majorität der nationaldemokratischen Ratmänner sichert, andererseits aber nicht gezwungen ist, offen Stellung zu nehmen und hinterher sagen kann, sie sei an den gefaßten Beschlüssen unbeteiligt. Diese Taktik jedoch sowie phrasenhafte Erklärungen, in denen den Juden volle, uneingeschränkte Gleichberechtigung zuerkannt wird, dürfen nicht über die wahre innere Gesinnung täuschen, die bei fast allen Polen dieselbe ist und in den Juden Fremde und Parasiten sieht. Die mannigfachen Äußerungen, in welchen diese Gesinnung in jüngster Zeit erst so krassen, in ihrer Maßlosigkeit kaum glaubhaften Ausdruck gefunden hat (Handelsghetto, Verbot des Eintritts in den Lazienki-Park), sind hier bereits erörtert worden und bedürfen keiner weiteren Erwähnung; bedeutsamer als in ihrer unmittelbaren Wirkung sind sie als Symptome und Niederschläge dieser Gesinnung. Daß die Polen diesen Standpunkt so bald aufgeben werden, ist nicht zu erwarten; denn er ist nicht, wie vielfach geglaubt wird, rein politischer Natur und lediglich aus bewußten politischen Motiven fließend, sondern wurzelt in der tiefstinneren Beziehung der Polen zu den Juden, die selbst solche Polen unbewußt beherrscht, die sonst überzeugte Liberale sind und programmatisch für die Gleichberechtigung der Juden eintreten. Es wirkt hier ein seit Jahrhunderten großgezogenes Gefühl der Verachtung dem Juden gegenüber mit, das für jeden Westeuropäer beinahe erschreckend ist. Es ist gerade diese bezeichnendste Eigenart des polnischen Antisemitismus, die ihn so abstoßend und entwürdigend erscheinen läßt, und die zu solch brutalen Äußerungen führt, wie sie die letzten Monate gebracht haben. Es ist diese Eigenart auch, die ihn prinzipiell vom westeuropäischen, ja selbst vom russischen Antisemitismus unterscheidet. Dieser erwächst aus Neid, Wesenspolarität und Haß, der polnische Antisemitismus jedoch hat seine stärkste Wurzel in einer grenzenlosen Verachtung, die es vielen Polen als einen unfaßbaren Gedanken erscheinen läßt, die Juden als irgendwie gleichwertig und gleichberechtigt zu betrachten. Auf die Ursachen, die zur Entstehung dieser Verachtung geführt haben, soll hier nicht eingegangen werden; sie aber mit aller Deutlichkeit zu konstatieren, ist notwendig, um sich über das Verhältnis der Polen zu den Juden klar zu werden. Schon diese psychologische Motivierung des polnischen Antisemitismus zeigt, daß auf eine baldige prinzipielle Änderung in der Stellung der Polen zu den Juden nicht zu rechnen ist. Bis eine solche, durch Jahrhunderte entwickelte und großgezogene innere Einstellung sich ändert, müssen Jahre und Jahrzehnte vergehen. Hinzu tritt dann noch der tiefe wirtschaftliche Grund, der den scharfen Gegensatz zwischen Polen und Juden verschärft: das Streben der Polen nach der Schaffung eines eigenen Mittelstandes und der dadurch notwendig bedingte Kampf gegen die Juden, die im wesentlichen die ökonomischen Funktionen des Mittelstandes in Polen bis heute erfüllt haben. Dieser Vorgang ist eine typische Erscheinung der neueren jüdischen Wirtschaftsgeschichte, die wir vor allem da beobachten können, wo Juden inmitten eines bisher wenig entwickelten Volkes leben, das politisch und wirtschaftlich zu erwachen beginnt. In Posen, in Böhmen, in Litauen, überall erleben wir diesen Prozeß, daß die Polen, Tschechen, Litauer Sich wirtschaftlich von den Juden unabhängig zu machen suchen und so in