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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 785

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Zur polnischen Judenfrage
Date
1917-03-01
Page
785 (sequence 1)
Language
German
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ZUR POLNISCHEN JUDENFRAGE Die politische Situation in der polnisch-jüdischen Frage hat sich in der letzten Zeit geklärt. Die Proklamation des Königreichs Polen vom 5. November hat der Frage erst eine feste Grundlage verliehen. Während sie vordem eigentlich nur in der Luft schwebte und daher alle aktive Betätigung nur vorbereitender Natur sein konnte, ist der allgemeine Rahmen, in den die Frage einzustellen ist, seit dem 5. November bestimmt. Denn wie auch immer die militärische und politische Fortentwicklung des Krieges sein, wie sich auch die internationale Situation beim Friedensschluß gestalten wird, daß ein selbständiges polnisches Gemeinwesen in irgend welcher Form erstehen wird, darf als sicher angenommen werden. Die Unabhängigkeit Polens, die die Zentralmächte proklamiert haben, wird die Entente, die den Krieg mit der Devise des Kampfes für die kleinen Nationalitäten führt, nicht wieder vernichten können, und so darf und muß die jüdische Politik in der polnisch-jüdischen Frage mit der Existenz des neuen polnischen Staates als mit einer gegebenen und bleibenden Tatsache rechnen. " Allein nicht nur die allgemeine politische Grundsituation ist so durch das Manifest vom 5. November geklärt worden, sondern auch die Haltung der beiden politischen Faktoren, die gegenwärtig in der polnisch-jüdischen Frage bestimmend sind, der Polen und der Deutschen, ist seit diesem Ereignis eindeutiger und offenkundiger geworden; die polnische Judenheit kann heute schon erkennen, was sie von beiden zu erwarten hat, und ist daher auch in der Lage, sich über die Richtlinien ihrer eigenen Haltung und ihrer Politik klar zu werden. Der wichtigere dieser beiden Faktoren sind die Polen. Wie hoch man auch den gegenwärtigen und vielleicht auch künftigen Einfluß der Deutschen im neuen polnischen Staatswesen bewerten mag, seine Bedeutung tritt weit hinter diejenige der Polen zurück, die doch nun einmal die überwiegende Majorität des Landes bilden und unter allen Zufällen und allem Wechsel der militärischen Okkupation und politischen Lage das bleibende Element darstellen. Über die Haltung der Polen den Juden gegenüber kann heute nun kein Zweifel mehr bestehen. Ihr Standpunkt ist der des rücksichtslosesten Antisemitismus, der in der Überzeugung seinen Ausdruck findet, daß die Juden Fremde im Lande seien und es früher oder später verlassen müßten. Eine Ausnahme wird nur für die kleine Schicht der Assimilation gemacht. Die große Masse der Juden hingegen erkennen die Polen innerlich nicht als vollberechtigte Bürger an, sondern betrachten sie als Fremde, Parasiten und ungebetene Gäste. Dieser Standpunkt ist klar und eindeutig, und wird von der erdrückenden Majorität der Polen geteilt, ohne daß eigentlich in diesem Punkte wesentliche Unterschiede zwischen den Parteien beständen. Die einzige taktische Differenz zwischen der Rechten — den Nationaldemokraten — und der Linken — den Demokraten — ist lediglich die, daß jene diesen Standpunkt bei jeder Gelegenheit laut und deutlich zum Ausdruck bringen, Heft i2, 55

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