Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Die Polnischen und Franz Blei
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 776 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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776 Bemerkungen seiner Reichen und Mächtigen die meisten nur noch dem Schein nach angehören, stehen Menschen auf, die willens sind, das Schicksal zu wenden, und „kolonisieren". Menschenwerk, mit allen Mängeln und Kleinlichkeiten des Menschlichen behaftet, aber ihnen allen zum Trotz der Idee getreu, aus der es geboren und die all seine Macht ist. Es ist heiliger, zukunftsheiliger Boden, den die Hände der Siedler bebauen; das Unheilige, das Unheil, der Schacher muß ihm ferngehalten werden. Hier darf er nicht bloß das Innre des Lebens nicht, hier darf er auch seine Oberfläche nicht streifen. Das wissen die Männer, das tun sie; was immer ihnen fehlschlägt, dieses wird nicht fehlschlagen. „Es wird kein Krämer mehr im Hause des Herrn der Heerscharen sein an jenem Tage": das letzte Wort des großen Sacharja ist ihre Losung. Aber Franz Blei weiß es besser. Er kennt sich aus, er ist informiert, er läßt sich nichts weismachen. Er fügt seiner Glosse einen neuen Abschnitt an. Er eröffnet (S. 344): „Der Zionismus als Agent des Kapitalismus dürfte ja nur von ein paar Ideologen, die für König David schwärmen, geleugnet werden. Weil sie nicht wissen oder wissen wollen, daß in der Palästina-Kolonie schon lange eine schwunghafte Spekulation mit Grund und Boden getrieben wird von den jüdischen Kolonen, die schon lange nicht mehr ackern, sondern in Jerusalem vom Bettel, vom Handel oder von der Spekulation leben. Die Türkei hat des letzteren wegen die anfängliche Steuer auf die Grundeinheit um das Fünfzigfache erhöhen müssen, um zur Bebauung und so zur ehrlichen Rentabilität zu zwingen." Worauf eine neue Warnung vor den Polnischen folgt. „Sagen, was man weiß, und nichts mehr." Was Sie da also niederschrieben, Franz Blei, das „wissen" Sie, und wir törichten Ideologen wissen es nicht oder wollen es nicht wissen? Darum „leugnen" wir, nicht wahr? Nun denn, ich „leugne" nicht, denn nicht ich und nicht mein Volk sitzt auf der Anklagebank, sondern Sie. Ich behaupte nicht, daß Sie nicht wüßten oder nicht wissen wollten, sondern daß Sie fälschlicherweise zu wissen vorgeben. Ich klage Sie an, daß Sie sich mit der Miene des Wissenden, mit dem Tonfall des Enthüllenden zum Sprecher einer Lüge machen. Ich weiß nicht, wessen Lüge es ist; aber die Worte, in denen sie gedruckt steht und verbreitet wird, sind die Ihren. Ich weiß nicht, woraus sie entstanden ist, aus Bosheit oder aus Leichtfertigkeit, aber ich ahne, warum Sie sie niederschrieben, drucken und verbreiten ließen: aus Bescheidwisserei. Aus Bescheidwisserei scheuen Sie sich nicht, Dreck auf eine reine Sache zu werfen — und es macht Ihre Schuld nicht geringer, daß es zusammengeklaubter Dreck ist. Welcher Gattung die Lüge angehört, die in den angeführten drei Sätzen niedergelegt ist, wird offenbar, wenn ich sage — was an ihr wahr ist. Es ist wahr, daß in Palästina eine schwunghafte Spekulation mit Grund und Boden getrieben wird: aber nicht von den „jüdischen Kolonen", sondern von den arabischen Großgrundbesitzern, die von jeher ihren Boden als Spekulationsgut betrachteten und insbesondere, seit ihnen der Liebhaberwert palästinensischer Erde aufgegangen ist,* d. h. seit der Entwicklung der jüdischen Kolonisation mehr mit dem Wertzuwachs als mit den Betriebseinnahmen rechnen*). Es ist wahr, daß in Jerusalem Juden vom „Bettel" leben; aber die sind nicht Kolonisten und sind es nie gewesen, sondern es sind die altgewohnten frommen Müßiggänger, die Empfänger des organisierten Almosens der Chaluka, die mit der neuen Siedlung in keinerlei Zusammenhang stehen. Und es ist wahr, daß der Steuerneingang aus den Kolonien bedeutend (wenn auch leider bei weitem nicht um das Fünf zigfache) gewachsen ist, aber nicht infolge Erhöhung der Grundsteuer, sondern infolge der fortschreitenden Steigerung des Bodenertrags durch intensive Arbeit der Siedler**). Im übrigen brauchte die Türkei wahrlich, „um zur Bebauung und so zur ehrlichen Rentabilität zu zwingen", die Steuer auf die Grundeinheit nicht um das Fünfzigfache zu erhöhen, da nach türkischem Recht jeder drei Jahre lang nicht bebaute baufähige Boden an den Staat fällt***). *) Vgl. Leon Schulmann, Zur türkischen Agrarfrage, Weimar 1916, S. 46—57. **) Da Blei hier eine Zahl nennt, die freilich nur Kuriositätswert besitzt, will ich mit Zahlen antworten. Zuverlässige Ziffern liegen für 12 Kolonien vor. Diese 12 Kolonien haben an dem Oscher oder Zehnten, also einer Ertragssteuer, im Jahre 1904 zusammen 45019,40 Frs. entrichtet, im Jahre 1913 war der Betrag auf 321453,20 Frs. gestiegen. Das haben die Kolonisten, die „schon lange nicht mehr ackern", durch ihre Arbeit aus dem Lande gemacht. Dagegen ist der Betrag der übrigen Steuern, die größtenteils Besitzsteuern sind, in den 12 Kolonien in diesen zehn Jahren nicht gewachsen. ***) Vgl. Curt Nawratzki, Die jüdische Kolonisation Palästinas, München 1914, S. 68