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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 775

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Die Polnischen und Franz Blei
Date
1917-02-01
Page
775 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 775 die nicht umdeutbaren Zahlen reden lassen, umsonst darauf hingewiesen, daß nach der russischen Volkszählung vom Jahre 1897 mehr als 53 Prozent aller selbständigen Juden zu den arbeitenden Elementen gehörten, wogegen nur 31 Prozent Handel und Vermittlung trieben. Umsonst haben wir des weiteren gezeigt, wie wenig tief eingewurzelt, wie offenbar aufgezwungen der „Zug" zum „Schachern" im Ostjuden ist, indem wir — wieder in unumdeutbaren Zahlen — mitteilten, was aus ihm unter freien Lebensbedingungen wird: nach dem Zensus von 1900 waren 38,04 Prozent der gesamten männlichen erwachsenen beschäftigten Bevölkerung New Yorks in Handwerk und Fabrikation tätig, aber 61,08 Prozent der eingewanderten ostjüdischen; 36,07 der gesamten weiblichen, aber 71,30 der eingewanderten ostjüdischen. An welche Säulen sollen wir diese Zahlen schlagen, von welchen Dächern sie herabfunkeln lassen, damit die deutschen Literaten, die über das Ostjudentum schreiben, sie zur Kenntnis nehmen und (in der Verschwiegenheit ihrer Herzen) einsehen, daß ihr Bescheidwissen das Gegenteil des Wissens und ihre Betrachtungen ein Vermitteln von Redensarten von sehr geringem Wahrheitsgehalt, also doch wohl kein ganz löbliches Geschäft waren? Und wenn sie es je tun, wird sie dann nicht ein (ganz heimlicher) Zweifel beschleichen, ob jene, die „sich nur zwischen die von dieser Welt geschaffenen Güter vermittelnd stellen", gar soviel schlimmer sind als jene andern, deren Worte sich zwischen eine Wirklichkeit und den, der sie kennen lernen will, solchermaßen vermittelnd stellen, daß er von dieser Wirklichkeit nur das Niederste, und auch dies nur in einer scheußlichen Verzerrung erfährt? In einer scheußlichen Verzerrung. Denn gewiß, es gibt den Schacherjuden; er ist zwar, wie wir erwiesen haben, keineswegs der ostjüdische, er ist nur unter den Ostjuden der vordringlichste, der auffälligste, der sichtbarste Typus; immerhin, es gibt ihn, in zahlreichen Exemplaren, und sein Schachern ist ein regelrechtes Schachern. Nur daß einem menschlichen Betrachter nicht das Schachern an ihm das Bemerkenswerteste sein müßte, nicht diese „Gewohnheit seines Irrsinns", die er, wie wir gezeigt haben, nicht ungern ablegt, wenn er darf: sondern daß das Schachern nicht in seine Seele eingedrungen ist. Einem andern hätte es das Mark zersetzt. Er aber hat sieben Mauern um seine Seele gebaut, daß kein Anhauch der „Gewohnheit" -zu ihr gelangt. Er hat den Verstand ausgesandt, daß er ihm und den Seinen die Lebensnotdurft besorge, wie immer sie besorgt werden kann; aber wenn der Verstand seinen Dienst getan hat, muß er Mal um Mal ins reinigende Tauchbad steigen, ehe er wieder in das Gelaß der Seele eintreten darf. Ja, ihr Soldaten des deutschen und des österreichisch-ungarischen Heeres im Osten, ihr habt dem Juden auf die Finger, aber ihr habt ihm nicht in die Augen gesehen, oder schlecht; ihr habt ihn auf der Gasse, aber ihr habt ihn nicht in seiner Kammer gesehen, oder ohne Blick. Er schachert mit allen von dieser Welt geschaffenen Gütern, die verlangt werden und die er herbeibringen kann, aber nicht mit den Heiligtümern seiner Seele, seines Hauses und seiner Gemeinschaft. Er schachert nicht mit seinem Gott. Franz Blei erzählt in seinem Buch von Christen, die es tun. Die „die Kirche zu einer nützlichen Institution erniedrigen, den Begriff Nutzen gemessen an dem, was man so heute darunter versteht: Geschäft, vermehrtes Einkommen, besseren Kredit usw."( Menschliche Betrachtungen zur Politik, S. 196). So weit ist der kleine Schacherjude des Ostens nicht. So weit kann von uns nur der große Schacherjude des Westens, dieser armseligste aller Machthaber kommen: wenn er die Konsequenz seines sinnlosen und erfolgreichen Daseins zieht und sich der einen oder der andern der nützlichen Kirchen einverleibt. 2. Unter den mit strenger Energie unternommenen Versuchen der Ostjuden, aus der Hölle des Schachers, in der es so schwer ist, die Reinheit der Seele zu bewahren, in das Reich des natürlichen Lebens einzutreten, ist einer durch eine Kühnheit der Absicht und eine Geschlossenheit des Werkes ausgezeichnet, die ihn einst, wie es scheint, zu weltgeschichtlicher Bedeutung erheben werden. Das ist die Errichtung einer auf den Bodenbau gegründeten, aus ihm zu einer vollkommen gegliederten Gemeinwirtschaft erwachsenden Siedlung in Palästina, die immer stärker von dem großen, urjüdisches Gesetz erneuernden Prinzip des gemeinschaftlichen Grundeigentums durchleuchtet wird: aller bisher und fürderhin aus den Mitteln des Jüdischen Nationalfonds erworbene Boden gehört der Gemeinschaft „als ewiger Besitz des jüdischen Volkes". Man sagt „Kolonisation" und glaubt zu wissen, was vorliegt; man weiß es damit noch nicht. Der hier kolonisiert, das ist kein Staat und keine staatsähnliche Macht: in den zersprengten, zerklüfteten, unterwühlten Resten eines Volkstums, dem aus der Klasse

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