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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 777

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Die Polnischen und Franz Blei
Date
1917-02-01
Page
777 (sequence 4)
Language
German
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Bemerkungen 777 Ich habe dreimal hingeschrieben: „Es ist wahr , . .*' Die Lüge, die in den drei Sätzen Bleis niedergelegt ist, ist also keine Phantasielüge; sie hat, wie ich gezeigt habe, „Anhaltspunkte". Durch wieviel Mäuler mögen sie wohl, von Maul zu Maul reichhaltiger werdend, gegangen sein, bis sie den endgültigen Empfänger, den menschlichen Betrachter erreichten, der nunmehr, in ihrem unantastbaren Besitz, ein Wissender, den Ideologen, die für den König David schwärmen, ihr Leugnen verweist I 3- Eine Sache ist im Werden, eine menschenbefreiende, gemeinschaftaufrichtende, geistverwirklichende, eine gute Sache. Wir stellen uns vor sie, einige Geistesarbeiter jüdischen Blutes und Willens, die wir stolz sind, ihr dienen zu dürfen, und decken sie. Wir sind uns nicht zu erlesen, um ihretwillen in den hinabzusteigen, den wir sonst meiden, in den Kampfplatz des Tages; nicht zu kostbar, den Dreck, mit dem sie beworfen wird, mit unserer Person aufzufangen. Wir werden nicht dulden, daß sie hinfort geschmäht werde. Ihr, die ihr von ihr redet, saget was ihr wißt, und nichts mehr. Aber nehmt das Wort Wissen in seinem Ernste und vermeinet nicht zu wissen, wenn ihr etwelches Geschwätz zusammengebacken habt. Wir fordern nicht Gerechtigkeit — wer dürfte die fordern? — aber Wahrheit fordern wir, von jedem, der unsere Sache mit seiner Rede anrührt. „Die Wahrheit ist das Siegel Gottes." Das ist ein hohes jüdisches Wort, und die hohe vollkommne Wahrheit ist gemeint. Aber es gibt eine knappe notwendige Wahrheit, die das Siegel des Menschen ist: kein Leben, das ihrer enträt, kann ein menschliches Leben, keine Betrachtung, die sie verleugnet, darf eine menschliche Betrachtung genannt werden. Martin Buber Volk Einem Brief unseres Mitarbeiters H. G,, geschrieben nach der Rückkehr von einem Ferienaufenhalt in Polen, entnehmen wir die folgenden Stellen. Ich habe aus der Heimat, so kurz der Besuch war und so weltentlegen ich auf einem Landgute lebte, starke Eindrücke zurückgebracht. Ich habe wieder Volk gesehen, freilich von den Rädem einer fürchterlichen Zeit hergetrieben, die diesem Volke Heft 11. als zeitweiliger Triumph des Bösen auf Erden erscheint. Die fünf Wochen drüben waren an äußeren Eindrücken nicht gefüllt — saßen wir doch mitten wie im tiefsten Frieden auf dem Lande, und nur naher Besuch aus den beiden Hauptstädten und ... die auf Betteln ausgewanderten Volksteile gaben mündlichen und augenfälligen Bescheid über die Lage der Dinge. Nun ist ja der Bettel nach guteuropäischen Begriffen eine Schmach und nichts anderes. Und doch muß ich sagen, daß es mir ein Erlebnis gewesen ist, diese Menschen — zu Hunderten zogen sie an dem einen Fleckchen Land, das recht abseits von den Städten und Städtchen in das fruchtbare Feldergebiet um die obere Warthe eingebettet ist, vorüber — zu sehen und manchmal zu hören. Die gewaltsam herbeigeführte Not zwang sie hinaus, mit Weib und Kindern, elementar, ohne Ansehen der inneren Qualen: nur Wenige der Stillsten und Gläubigsten lehnen diesen Ausweg rundweg ab, wenige im Verhältnis zu diesen Massen der anderen — ich kenne auch solche Fälle, und sie sind ebenso typisch wie jene. Aber das Merkwürdigste war mir zu sehen, wie all diese Menschen das gesamte Geschehen um sich und ihre eigene Not vor allem rein ethisch bewerteten, gänzlich alles andere zurückstellend. Vielfach lag ein innerer Stolz, jedenfalls Würde, schon in der Art, wie sie stumm daherkamen und die Gaben der günstiger gestellten Landbesitzer entgegennahmen. Das war nicht orientalischer Fatalismus, das war Bewußtsein der Zusammengehörigkeit der Menschen und der Barmherzigkeit als der elementarsten Pflicht der Menschen. Gerade Solche dankten häufig auch besonders schön, ganz wie unter Gleichen, und doch in aller Einfachheit und Bescheidenheit. Und sie ließen sich auch auf Gespräche ein, wenn man sie eben als gleich betrachtete und behandelte, die augenblickliche Ungunst der Verhältnisse nicht durch ein pseudoaristokratisches Gebaren ihnen unangenehm zu spüren -gab. Die erzwungene Brachlegung der meisten Erwerbsgebiete des polnischen Judenvolks hat, wie es scheint, geradezu Hunderttausende von jüdischen Menschen jeder Nahrungsmöglichkeit außer eben der der Barmherzigkeit für die ganze weitere Kriegsdauer beraubt. Sie wenden sich damit, wie bei den dortigen Verhältnissen ja klar ist, ausschließlich an die jüdischen Volksgenossen, die von der Gesamtnot weniger betroffen sind, und diese tun nun, wie es scheint, wirklich wäs 54

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