Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Eine Aussprache zur Judenfrage
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 773 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 773 Am weitesten sind bei dieser Aussprache die Antisemiten davon entfernt, die mit nicht begründeten und unhaltbaren Gefühlsergüssen recht schlecht vertreten sind. Die übrigen nichtjüdischen Teilnehmer nähern sich mit einer einzigen Ausnahme mehr oder weniger einem Standpunkt, der wiederholt Asemitismus genannt wird und etwa so formuliert werden kann: weder freundlich noch feindlich zu den Juden, aber fremd; klare Scheidung zwischen uns und ihnen. Die Meinungen über die konkrete Durchführung dieses Leitsatzes sind bei den einzelnen noch recht verschieden. Sie gehen von dem bloßen Verlangen einer Trennung in national-kulturellen Dingen bis zur Forderung eines judenreinen Deutschland. Auf alle diese Ausführungen ist zu erwidern, daß es eine einheitliche Lösung der Judenfrage in Deutschland nicht gibt, vielmehr mindestens zwei, wenn nicht noch mehr Lösungen nebeneinander. Das ist, von einem nationalen Juden gesagt, nicht ein Verschleierungsversuch, sondern nur das Zugeständnis einer Tatsache, die ihm selbst keineswegs lieb ist. Zunächst sind eine nicht sehr große Anzahl von Juden in Deutschland wirklich zu Deutschen geworden. Ihnen, die mit dem Judentum nur noch durch die Tatsache der Abstammung verbunden sind, würde durch eine schematische Ablehnung seitens der Deutschen ein offenbares Unrecht geschehen. Ein anderer, weit größerer Teil der deutschen Juden steht zwar noch tief in jüdischem Wesen, ist aber, größtenteils infolge von Mangel an Instinktsicherheit und Selbsterkenntnis, der deutschen Unweit unterlegen. Ich denke dabei nicht an die verächtliche Gruppe derer, die überhaupt nicht zu reinem Wollen und Fühlen fähig sind, sondern an solche, die Deutsche sein wollen und von dem Glauben erfüllt sind, es wirklich zu sein. Wenn sie von den Deutschen zurückgewiesen werden, so erfüllt sich an ihnen nur das peinliche Schicksal aller derer, deren Wille nicht im Einklang mit ihrem Wesen steht. Wir Natiohaljuden in Deutschland endlich stimmen, was das national-kulturelle Gebiet angeht, im Endergebnis mit manchen Äußerungen der Aussprache überein; im Endergebnis, aber nicht im Weg. Wir halten uns zu einer auf unmittelbares aktives Eingreifen in die nationale Kultur eines anderen Volkes gerichteten Tätigkeit weder für berechtigt, noch scheint uns eine solche für uns heute möglich zu sein. Wir stehen in einem vom jüdischen Gesichtspunkt aus auf das schlimmste gefährdeten Teil unseres Volkes, der seit mehr als hundert Jahren den Zusammenhang mit der Tradition wie mit dem gegenwärtigen Leben der Volksgesamtheit verloren hat. Von uns wird die äußerste Anstrengung gefordert, um für uns selbst diesen Zusammenhang wieder zu gewinnen und auch die übrigen deutschen Juden, soweit es m: glich ist, wieder zu ihrem Volke zurückzuführen. Diese Aufgabe verlangt eine Konzentrierung unseres ganzen Geistes und Willens. Eine solche Stellung verträgt sich aber durchaus mit zwei anderen Dingen: im Staatsleben mit der Ausübung der politischen Rechte und Pflichten des Staatsangehörigen, im Kulturleben selbst mit der Überzeugung, daß Großes und Reines, das dem Boden eines Volkes entsprungen ist, über den Rahmen der eigenen Zeit und des eigenen Willens hinaus zur Wirkung auf alle Völker und alle Zeiten bestimmt ist. Wir glauben, daß wir uns von den heutigen europäischen Nationalismen in zwei Punkten unterscheiden müssen. Wie jedes künftige Volksgefühl, so muß auch das unsere sich erstens stets bewußt bleiben, daß Volkstum eine geistige Angelegenheit ist; und es darf sich zweitens nur äußern als erhöhte Hingabe an das eigene Volk unter Anerkennung des Wesens und der Leistung anderer Völker, nicht aber in einem „abneigungsvollen Gegensatz" zu ihnen. Aus diesen beiden Überzeugungen heraus muß manchen Aufsätzen in der „Freideutschen Jugend" widersprochen werden. Die Gefahr liegt nahe, daß eine kulturelle Scheidung zwischen Juden und Nichtjuden auch auf das ganz andere Gebiet des Staatswesens übergreifen könnte. Tatsächlich finden sich auch in der „Freideutschen Jugend" dahinzielende Äußerungen, während anderseits nirgends eine völlig klare Erkenntnis jener Grundwahrheit hervortritt, daß Volkstum ebenso wie Religion ausschließlich Sache des Geistes ist, daß es, wie diese, nur mit Mitteln des Geistes zu kämpfen hat und sich vor jeder Verquickung mit politisch-staatlichen Momenten hüten muß. Dieser Satz mag im Zeitalter der schrecklichsten Nationalkämpfe paradox erscheinen, genau so paradox übrigens, wie einem mittelalterlichen Staatsmann der Gedanke erschienen wäre, der Staat habe seinen Bürgern religiöse Freiheit zu lassen. Aber er wird heute bereits von klarsehenden Politikern, namentlich in Österreich, vielfach vertreten, und das Schicksal Europas hängt davon ab, wie lange es noch dauern soll, bis er Gemeingut wird, bis die Worte: cuius regio, eius natio dem Gefühl der Völker genau so fremd sein werden wie heute bereits der Satz, der auch einmal herrschend war: cuius regio, ejus