Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Eine Aussprache zur Judenfrage
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 774 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875895-3101583--1068-3101672- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
774 Bemerkungen religio. Heute wird man in erster JLinie von der Jugend aller Völker, die einen neuen lebendigen Inhalt für ihr Volksgefühl sucht, verlangen müssen, daß sie sich diese Einsicht stets gegenwärtig hält. Praktisch auf unseren Fall angewendet bedeutet sie: eine nationalkulturelle Sonderstellung der Jugend darf niemals zu einer Beeinträchtigung ihrer staatsbürgerlichen Rechte führen. Diesem Ergebnis wird auch in der Freien Jugend von manchen zugestimmt, die, wie wir, eine „friedliche, aber schiedliche Symbiose" verfechten. Was es uns aber unmöglich macht, uns mit ihnen einig zu fühlen, ist die Gesinnung, aus der heraus sie zu ihrem Resultat kommen. Sie gehen nicht nur von der wissenschaftlich nicht gesicherten Rassentheorie, die auch mir sehr lieb ist, als von einer unantastbaren Wahrheit aus, sondern stützen sich sogar auf jene unwahrhaftige Abart, die einer selbstschmeichlerischen Verherrlichung der eigenen Rasse ein Zerrbild der anderen gegenüberstellt und zu der geistigen Reinlichkeit, der Härte und Unerbittlichkeit gegen sich selber, die man gerade von jungen Menschen verlangen muß, im schroffsten Gegensatz steht. Eine derartige Einstellung hat den Blick dieser jungen Deutschen so getrübt, daß die Äußerungen derer, die uns gerecht werden möchten, durch ihren Unterton von Geringschätzung und Abneigung viel verletzender für uns sind als die Beschimpfungen der Antisemiten. Sie stellen ganz ernsthaft die Tüchtigkeit jüdischer Kapitalisten und die Gewandtheit einer großstädtischen Flachkopfintelligenz als die einzigen repräsentativen Werte des Judentums hin. Offenbar rechnen sie gar nicht mit der Möglichkeit, daß hier noch andere Dinge außer diesen augenfälligsten, vorhanden sein können. Man weiß, daß vielfach im Auslande die Vorstellungen von deutschem Wesen nach dem Bilde der über die ganze Welt verbreiteten deutschen Kellner geformt ist, denen man eine Reihe nützlicher Eigenschaften nicht abspricht. Ganz genau so, wie solche Urteile den Deutschen, müssen uns alle nichtjüdischen Äußerungen dieses Heftes mit alleiniger Ausnahme der Foersters berühren. Vielleicht werden die Verfasser verstehen, daß wir darin dieselbe Oberflächlichkeit und denselben Mangel an Ehrfurcht erblicken, den sie mit Recht so häufig bei Juden tadeln. Ihr Verfahren ist nicht die würdige Art, sich mit einem Volke auseinanderzusetzen, von dem ihr eigenes länger als ein Jahrtausend geistig gelebt hat Auf diese Weise kann ein erträgliches Verhältnis zwischen Juden und Deutschen nicht hergestellt werden. Dazu genügt nicht die reinliche Scheidung; es muß außerdem auf beiden Seiten das Bemühen, ein wirkliches Bemühen, vorhanden sein, den wesentlichen Wert des anderen zu erkennen und zu achten. Wir hoffen darauf, daß die jungen Deutschen, die den Willen zu einer klärenden Verständigung zeigen, auch diesen einzig möglichen Weg dazu finden werden. Inzwischen werden wir neben unserer wichtigsten Aufgabe, der Selbsterziehung innerhalb unserer nationalen Bewegung, die Arbeit für eine solche Verständigung bei den deutschen Juden zu leisten haben: die bekämpfen, die den Namen unseres Volkes schänden; die zur Entscheidung drängen, die noch unentschieden, zwischen Deutschtum und Judentum gespalten, in der Mitte stehen. Und wenn unsere jüdischen Gegner uns dabei weiter als Bundesgenossen der Antisemiten und der Asemiten von heute hinstellen, so werden wir ihnen die Geschichte von Haman und Mordechai erzählen. Beide standen vor einem Gastmahle des Königs Ahasveros am Tor des Palastes; sie sahen viele Juden unter den Gästen, und beide faßte der Zorn: Haman, weil sie geladen waren; Mordechai, weil sie kamen. Max Strauß Die Polnischen und Franz Blei (Ein Exempel) „Sagen was man weiß, und nichts mehr.*1 Charles Peguy, zitiert von Franz Blei (Menschliche Betrachtungen zur Politik, S. 349) 1. Im ersten Heft dieser Zeitschrift war für die Argumente jener, die beweisen wollen, daß die polnischen Juden nichts taugen, das Beispiel eines bekannten Schriftstellers angeführt worden, der die „Polnischen" für eine niedere Menschenart erklärte, denn sie lebten in eitel Furcht, sonderlich vor Gott. Der Exkurs Franz Bleis, auf den sich diese Worte bezogen, ist seithervon ihm in erweiterter Fassung in ein Buch aufgenommen worden, das den Titel „Menschliche Betrachtungen zur Politik*' führt. Gestrichen hat der Autor keinen seiner Sätze, er scheint sie also immer noch für die Äußerung des legitimen Bescheidwissens zu halten. Immer noch kennt er keinen andern ostjüdischen sozialen Typus als den „vermittelnden Händler", keine andere ostjüdische soziale Funktion als das „Schachern". Für ihn haben wir umsonst in dieser Zeitschrift (S. 234, auch schon S. 18 f.)