Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Eine Aussprache zur Judenfrage
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 772 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN Eine Aussprache zur Judenfrage Im Oktober- und Novemberheft 1916 der „Freideutschen Jugend** beginnt eine Aussprache über die Judenfrage, die im Märzheft 1917 fortgesetzt werden soll. Diese Aussprache ist beachtenswert; denn die Zeitschrift wird im Auftrage des Verbandes der „Freideutschen Jugend" herausgegeben, der eine Anzahl der größten aus dem Antrieb der Jugend selbst hervorgegangenen Bünde — als Beispiel diene der Wandervogel — umfaßt. Von den Beiträgen sind ihrem Wesen nach wertvoll Friedrich Wilhelm Foersters „Betrachtungen zur Judenfrage" vom Standpunkt eines gläubigen Christen aus. Die sorgfältig überlegten, von einem festen sittlichen Willen gelenkten und gestalteten Gedanken erfassen als die einzigen des Heftes den tiefsten Wert des Judentums, sein Streben nach der Verwirklichung des Geistes. Mit diesen Ausführungen über die ideelle Bedeutung des Judentums sowie mit denen über die historische Entschuldbar keit seiner heutigen Mängel sollten sich namentlich Nichtjuden in ehrlichem Denken auseinandersetzen. Was junge Juden, die bewußt und ernstlich an der Formung ihres Wesens arbeiten, vor allem angeht, ist Foersters in brüderlichem Geist gehaltene, von Aufrichtigkeit und Streben nach Wahrheit getragene Darlegung der Fehler des heutigen Juden, als deren Zentralpunkte er Selbstkultus und Selbstsucht ansieht.*) *) Auch Foerster teilt den selbst unter einsichtigen Nichtjuden allgemein verbreiteten Glauben, der mehr als alles aridere die gegenseitigen Beziehungen vergiftet, daß das Streben nach Ausnützung des anderen, selbst im persönlichen Verkehr, ein typischer Zug des Juden sei. Ich halte diesen Glauben für falsch. Unter den mir bekannten Juden habe ich eine solche Neigung nicht häufiger als sonstwo gefunden. Sie ist mir als spezifisch jüdische Eigenschaft nur dadurch bekannt geworden, daß Nichtjuden, mit denen ich in Berührung kam, sehr häufig mich am Anfange unserer Bekanntschaft auf Äußerungen dieser Eigenschaft hin beobachteten; manche gestanden das später offen zu. Foersters Sätze bieten den Anlaß zu eindringlicher Selbstprüfung, und uns selbst gegenüber gelten selbstverständlich die entschuldigenden Erklärungen Foersters nicht; wir haben danach zu streben, schonungslos auch den letzten Rest des Ghetto in uns auszurotten. Wenn schließlich Foerster, dem russischen Philosophen Solowjeff folgend, die Lösung der Judenfrage in einer Assimilierung der Juden sieht, bewirkt durch das Aufgehen von Juden und Christen in einem wahrhaften Christentum, so können wir hier dem nur einfach gegenüberstellen, was uns als die höchste Form einer Gemeinschaft der Völker vorschwebt: nicht ein Zusammenschmelzen im Geiste der Liebe, sondern für jedes eine reine Ausprägung seines Wesens unter der Herrschaft der Gerechtigkeit. Der Wert der übrigen Aufsätze liegt hauptsächlich darin, daß sie Anzeichen für die Stellung sind, die große Teile der deutschen Jugend zur Judenfrage einnehmen. Dabei fällt vor allem eine vollständige Änderung der Grundeinstellung auf, die von erheblicher Bedeutung ist. In deutschen Äußerungen zur Judenfrage aus den achtziger und neunziger Jahren kehrt regelmäßig bei Philo- und Antisemiten in gleicher Weise als Schlußforderung das Verlangen nach der Assimilation der Juden wieder, und dieser Standpunkt findet sich auch in der „Freideutschen Jugend" noch in den Äußerungen der älteren Generationen, bei Lagarde und Foerster. Unter den jungen Deutschen hier vertritt dagegen kein einziger mehr den Verschmelzungsgedanken; ihre Darlegungen über das künftige Verhältnis von Juden und Deutschen beziehen sich auf die Regelung des Nebeneinanderlebens beider Völker. Ein großer Teil von ihnen ist auch schon zu der Erkenntnis gekommen, daß diejenigen jüdischen Elemente, deren Tätigkeit in Deutschland mit Recht Empörung erregt hat, ebenso unjüdisch wie undeutsch sind. Mit diesen beiden Einsichten ist endlich die erste Grundbedingung einer redlichen Verständigung gefunden. Sie wird möglich sein, sobald bei Deutschen und Juden der Wille herrschend geworden ist, sich und den anderen richtig zu sehen. Daran fehlt allerdings vorläufig bei beiden Teilen noch viel.