Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 769

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1917-02-01
Page
769 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875895-3101582--1062-3101667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdische Volkslieder 769 Ginsburg und Marek Nr. 193. — Die unruhvolle Sehnsucht eines liebenden Mädchens ist geschildert. Sie soll ihn nicht haben, — so wollen es Vater und Mutter. Aber ihr Herz ist voller Bangigkeit, und so spricht sie zur Welt, zur Mutter, zu den Eltern, zum Liebsten, in die Lüfte hinein, und wieder zum lieben Freunde, um den sie so leidet. — Das Lied ist in der Form besser als viele andere; die Unrast einer jungen Liebe läßt sich nicht gut besser wiedergeben. — „Alle haben mich feindu, reines Jiddisch, entsprechend: „alle haben mich lieb" gebildet. (Ein ähnliches Beispiel: „vargessen on mir", also „vergessen an mich", wie „an mich denken".) — „Oi Gewalt", wieder charakteristisch: die Weltgesetze sollen umgestoßen, mit Gewalt durchbrochen werden, das ist der Sinn dieser bekannten oft vorkommenden Wendung. Brennende Liebe. Wie a Strahl Faier Hot main Harzen ongezunden; Un wer kenn schoin sain bai mir thaier, Un wer kenn schoin heilen maine Wunden? Mehr nit wie Einer Kenn schoin heilen main Wund, — Mehr wie Gott is nit einer, Er kenn mich ratewen azund! Mit a kurze Zait zurick Wer is gewen glaich zu mir? Es hot mir gespielt main Glick, Wenn ich bin gesessen zusammen mit dir! Un haint thu ich weinen un klogen, Maine Liebe is vun mir wait; Var keinen kenn ich nit sogen, As ich hob in Harzen a Streit. Ich trink sich jetzt in a Taich, Wos alle Mentschen sehen mit die Eigen; Wos teig mir main Guts un main Raich, As er is vun mär verfleigen! Verfleigen is er vun mir In a ganz waite Land; Zu sogen var maine Eltern Is mir a greiße Schand. (Übertragung.) Wie an einem Strahle Feuer, Hat sich mein Herz entzündet, Wer wäre mir noch teuer, Wer könnte heilen, was an mir verwundet? Niemand sonst, nur einer Kann heilen meine Wunden, Nur Gott, nur Gott, sonst keiner. Durch ihn kann ich gesunden. Noch kurze Zeit zurück, Wer mochte sich messen mit mir? Es spielte all mein Glück, Wenn ich bin gesessen mit dir. Und nun tu ich weinen und klagen, Meine Liebe ist von mir weit, Ich kann ja keinem sagen Von meines Herzens Streit. Ich ertrinke in einem Teich, Es sehen alle Menschen mit ihren Augen; Was taugt mir, daß ich reich, Wenn er mir fortgeflogen. Er ist mir fortgeflogen, In ein ganz weites Land, Daß ichs meinen Eltern sage, Ist mir eine große Schand.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.