Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 767

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1917-02-01
Page
767 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875895-3101582--1060-3101665
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdische Volkslieder 767 Do gai ich arois oifn Gas, Do stelt si sich mir vor, Mit ire blonde Hör. Och un wai un bitter u. s. w. Wos toig mir der naier Waingartn, As flanzn kenn ich em hit? Wos toig mir di scheninke Medele, As nemen kenn ich ir nit? Och un wai un bitter u. s. w. Wos toig mir der goldener Seger, As der Seger ligt in Tasch? Wos toig mir die scheninke Medele, As ich kon nit mit ir aroisgain oifn Gas? Och un wai un bitter u. s. w. Wos toig mir die neie Kasatschke, As tanzen ken ich ir nit? Wos toig mir die Medel di chwatzke, As nemen ken ich ir nit? Och un wai un bitter Is zu maine Jörn, Ich hob gehat a getraie Liebe, Un ich hob ir schoin angeworen. Da geh ich umher auf der Gasse, Da stellt sie sich mir »vor. Ach, wie verkürzt sie meine Jahr' Mit ihrem blonden Haar. Ach und weh und bitter usw. Was taugt mir der neue Weingarten, Pflanzen kann ich ihn nicht, Was taugt mir das schöne Mädchen, Nehmen kann ich sie nicht. Ach und weh und bitter usw. Was taugt mir die goldene Uhr, Die Uhr liegt in der Tasche. Was taugt mir das schöne Mädchen, Ich kann nicht mit ihr auf die Gasse. Ach und weh und bitter usw. Was taugt mirder„Kosack", der schnelle, Tanzen kann ich ihn nicht. Was taugt mir das Mädchen, das helle, Nehmen kann ich sie nicht. Ach und weh und bitter Ist meinen jungen Jahren, Ich hatte eine treue Liebe Und hab sie schon verloren- Jahrbuch „Pinkes" No. 10. — Der Inhalt ist, so einfach er auch scheint, nicht ganz klar. Eins ist gewiß: er hat ein Mädchen, das er geliebt, und das er noch immer liebt, verloren. Das erfahren wir aus dem Refrain. Ist sie ihm untreu geworden? Wohl kaum. Denn er nennt sie eine ,,getreue Liebe". Hat er sie durch Schuld vielleicht an einen andern verloren? Das ist wohl möglich, denn der ganze Ton ist der eines Tief zerrütteten und Bereuenden: so eine Liebe werde ich schon nicht mehr kriegen. Ist sie gestorben? Das ist nicht anzunehmen. Da wären selbst bei aller Leichtigkeit der Volksdichtung Verse wie: „Was soll mir das schöne Mädchen, kann ich doch mit ihr nicht auf die Gasse hinausgehen" und „Nehmen kann ich sie nicht", nicht ganz zu verstehen. Wie immer dem sei: er liebte sie — und verlor sie, und geht nun mit wüstem Gehirn umher. Die Schilderung dieses Zustandes, die in ihrer Art originell und vortrefflich ist, hat uns zur Aufnahme des Stückes in unsere Auswahl veranlaßt. Wo er steht und wo er geht, da bringt er seine verlorene Liebe mit. „Da geh ich hinein in die Stube, da ist es finster wie in einer Grube", ,,da trete ich hin zum Tisch, da gibts mir ins Herz einen Riß", „da gehe ich hinaus auf die Gasse, da stellt sie sich mir vor", das heißt: da glaube ich, sie vor mir zu sehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.