Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 766 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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766 Arno Nadel: Un wai, ich bin zum Jam zugegangen, Zulosen hob ich maine lange Hör, Ot stait der Merder, ot geit der Merder . Varkirzt hot er maine junge Jor. Un wie ich bin in Jam areingefaln, Hot sich arobgeblosen a Chwalje mit a Wint. As main Marne wollt dos wissen, ir Kind tut sich trinken, Kummen wullt sie zu mir gich geschwind. Und als ich bin ans Meer getreten, Ich ließ flattern meine langen Haare, Da steht der Mörder, da geht der Mörder, Der verkürzt meine jungen Jahre! Und als ich bin ins Meer gefallen, Da wirbelten Welle und Wind. 0 wüßt es meine Mutter, daß ihr Kind ertrinkt, Sie würde zu mir kommen geschwind. Aus dem Jahrbuch „Pinkes". — Die Nuance dieses Liedes ist: Eine Freundin hat die nun Verlassene betrogen. Schön ist der plötzliche poetische Sprung in die vorletzte Strophe: Und wie ich bin zum Meere zugegangen. Wo hätte jemals die Sängerin das Meer gesehen? Aber das Meer, das ferne ungeheure Meer, das ist das Märchen. Darin ertrinken die großen Schicksale, das überschreitet man, und wenn es siebenmal groß ist, wenn es die Liebe gilt, davor läßt man im Sturm die jungen Haare fliegen, — das Meer, das ist das rechte, große Symbol, für das wilde, herrliche Leben, für die wilde, herrliche Liebe. — „Asoi hot er sich eingeliebt in mir", —eingeliebt: ungemein eindringlich und plastisch, weit genauer als „ verliebt", — wieder echtes, schönes Jiddisch. Ehenso : „zulosen hob ich maine lange Hör", — „zulosen" eigentlich: „zerlassen", aber im Grunde noch viel mehr. Viel Sturm ist auch im stark rhythmischen : „Hot sich arobgeblosen a Chwalje mit a Wint", — man sieht geradezu ,J wie der wütende herabstürzende Himmel und das aufbrausende Meer eins werden. — Ihr Kind tut sich trinken, — „tut sich trinken": ein ausgezeichneter Ausdruck für den verzweifelten anhaltenden Zustand des Zugrundegehens, der im Hochdeutschen sich nicht wiedergeben läßt. Da geh ich her Do gai ich arain in Schtub, In Schtub is finster wi in a Grub, In a Grub is finster zu ligen — Asa Liebe well ich schoin mer nit kriegn. Och un wai un bitter Is zu maine Jörn, Ich hob gehot a getraie Liebe Un ich hob ir schoin angeworen. Do gai ich mir zu zum Tisch, In Harzn derlangt mir a Riß. As ir waißt nit, wos var a Liebe dos is. Och un wai un bitter u. s. w. in in die Stube. (Übertragung.) Da geh ich hinein in die Stube, Da ist es finster wie in der Grube. In der Grube ists finster zu liegen, So eine Liebe werde ich nicht mehr kriegen. Ach und weh und bitter Ist meinen jungen Jahren, Ich hatte eine treue Liebe Und habe sie schon verloren. Da trete ich an den Tisch, Im Herzen tuts mir einen Riß, Ach ihr wißt nicht, ihr wißt nicht, Welch eine Liebe das ist. Ach und weh und bitter usw.